*+* Rachel Campbell-Johnston: “Der Junge und der Elefant“ *+*

In diesem sehr atmosphärischen Jugendbuch begleiten wir Bat während seiner Kinder- und Jugendjahre. Zu Beginn der Erzählung ist er ein kleiner Junge, dessen Dorfaufgabe darin besteht, die Tiere zu hüten und sie auf ihre Weiden zu begleiten. Eines Tages erlebt er Wilderer bei ihrer schmutzigen Arbeit und nicht nur er, auch ich hatte sehr an diesem boshaften und quälenden Tun zu knacken. Kinder und Jugendliche, die etwas zarter besaitet sind, sind möglicherweise an dieser Stelle etwas überfordert und haben Redebedarf.

Auch wenn unsereins von einigen Situationen befremdlich und unangenehm berührt wird, für die afrikanische Bevölkerung gehört das Geschilderte zum Alltag – im Idealfall nur vom Hörensagen, aber viele Menschen betreffen die Gegebenheiten leider direkt.

Der Roman erzählt nicht nur davon, wie Bat, die Großmutter und seine Freundin das Elefantenmädchen Meya – das durch die Taten der Wilderer zum Waisenkind wurde – sondern ebenso sehr vom afrikanischen Alltag. Im Großen und im Kleinen schreibt die Autorin vom Leben im Dorf, aber auch von den Zuständen und Entwicklungen in der gesamten Region und den betroffenen Ländern des Kontinents. Das Hauen und Stechen Weniger, deren Gier nach Macht und Reichtum, die Hand in Hand gehen mit Leid, Angst und Armut für einen Großteil der Bevölkerung werden schonungslos beschrieben. Nichts wird beschönigt, und das ist gut so. Denn es geht nicht überall so zu, wie wir es von unserer noch „heilen westlichen Welt“ kennen, in der so oft auf hohem Niveau gejammert wird – grundlos, wie man während dieses Buches immer wieder feststellen muss.

Diese andere Sicht auf die Welt, der Blick über den Tellerrand, mag für einige jüngere Leser sicherlich schockähnlich sein. Aber man muss die Dinge ehrlicherweise so darstellen, wie sie sind, und das hat die Autorin getan. Sie mildert die harten Schilderungen jedoch sanftmütig und liebevoll ab, indem sie die zauberhafte Geschichte von Bat und dem Elefanten ganz fein damit verwebt. Sind die Bedingungen in Afrika oft schwierig und lebensgefährlich, wohnt dieser Heimat andererseits aber auch ein ganz besonderer Zauber inne. Die Kulisse, die Natur mit ihrer Pflanzen- und Tierwelt, die endlose Weite, der direkte Kontakt mit all dem Göttlichen der Schöpfung wirkt in diesem weiten Land direkt und ungefiltert auf die Menschen und schenkt ihnen ein ganz anderes Verständnis des Seins als wir es in unserem technisierten Umfeld haben können.

„Wirf dein Herz voraus, dann lauf ihm nach und fang es wieder ein!“

Sehr gut gefallen hat mir auch die Ausarbeitung der Charaktere. Allen voran habe ich Bat und seine tierische Freundin ins Herz geschlossen, aber auch die Dorfbevölkerung mit diesem ganz speziellen Miteinander und den immer wieder preisgegebenen Weisheiten, ihren Prioritäten und Ansichten, lernte ich schnell zu schätzen! Natürlich mochte ich die „bösen Buben“ nicht, aber auch deren Ausarbeitung ist überzeugend und plausibel gelungen.

Unwillkürlich schwebten während meines Lebens immer wieder die Fragen im Raum, warum dieser wunderbare Ort des Friedens, des Einklangs mit der Natur, so derart von Rebellen gestört werden muss. Warum die rebellische Gier nach materiellem Reichtum den Stellenwert des Reichtums im Herzen auch hier übertreffen muss. Wie man mit gutem Gewissen seine eigenen Interessen zu Lasten vieler glücklicher Menschen durchsetzen muss. All die Fragen also, die man sich bei so vielen Situationen an so vielen Orten zu so vielen Zeiten gestellt hat und sicher noch stellen wird.

„Der Junge und der Elefant“ ist ein lesenswerter Jugendroman, der in einer gelungenen Umsetzung die Problematik Afrikas auf den Punkt bringt und magische Elemente durch die eingeflochtene Geschichte vom Jungen und dem Elefanten in das Buch zaubert.

Inhalt
Als der Hirtenjunge Bat in der Savanne ein verwaistes Elefantenjunges entdeckt, nimmt er es mit in sein Dorf. Bat weiß, dass das Elefantenmädchen Meya eines Tages in die Wildnis zurückkehren muss. Trotzdem trifft ihn der Abschied mitten ins Herz. Auch die Idylle des Dorflebens findet ein jähes Ende, als Rebellen Bat und seine Freundin Muka entführen, um sie zu Kindersoldaten auszubilden. Doch in ihrer größten Verzweiflung geschieht etwas Magisches. Etwas, auf das Bat seit langem gehofft hat.
Übersetzt von Katharina Diestelmeier

Autorin
Rachel Campbell-Johnston ist Literaturkritikerin und Journalistin, deren Herz für Afrika schlägt. Sie hat in Englischer Literatur promoviert und lebt in London und Norfolk zusammen mit ihrer Familie und ihrer Schafherde.
Quelle: Carlsen Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Rachel Campbell-Johnston: “Der Junge und der Elefant“ *+*

  1. tinaherrlich schreibt:

    Das hört sich ja nach einem besonderen Buch-Schätzchen an, liebe Heike! 🙂 Werde mir den Titel mal merken bzw. notieren. Danke für die schöne Besprechung dazu! 🙂
    Liebe Grüße von Tina

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