*+* Salvatore Basile: „Die wundersame Reise eines verlorenen Gegenstands“ *+*

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Der dreißigjährige Michele existiert in einer eigenbrötlerischen Blase, einer selbsterschaffenen Insel, abgeschottet vom Rest der Welt – räumlich wie auch emotional. Schon immer lebt er im Bahnhofshäuschen eines kleinen italienischen Dorfes. Früher war sein Vater dort Bahnhofsvorsteher. Als er starb, hat Michele in stillschweigendem Einvernehmen dessen Posten übernommen. Er lebt alleine dort, denn seine Mutter hat ihn und den Vater verlassen, als Michele ein kleiner Junge war. So richtig verarbeitet hat er dies nie, eher verdrängt. Aus Angst vor dem Leben und weiteren Verlusten hat sich Michele sein eigenens kleines Universum geschaffen – seine Bahnstation. Einzig und allein die Fundsachen der letzten Jahre aus dem Zug leisten ihm Gesellschaft in seiner surrealen, irgendwie toten Welt. Der Tagesrhythmus wird vom morgens abfahrenden und abends eingehenden Zug, dessen Pflege und Verwaltung bestimmt. Dazwischen füllt ein stets gleich ablaufender Plan den Tag des Mannes.

Als eines Abends Elena wie ein Tornado in Micheles Leben hineinstürmt, wird dieses nach und nach auf den Kopf gestellt. Denn ein weiterer dramatischer Akt ereignet sich auf Micheles Bühne des Seins – sein altes Tagebuch aus Kindertagen, das seine Mutter mitgenommen hatte, als sie die Familie verließ, taucht wieder auf. Lebt die Mutter in der Nähe? Wäre es möglich, sie ausfindig zu machen und sich mit ihr auszutauschen? Zu erfahren, warum sie damals derart Hals über Kopf aus Micheles Leben gestürzt ist? Der junge Mann ist hin- und hergerissen. Noch nie musste er größere Entscheidungen treffen. Er ist überfordert. Und froh, dass er Elena kennt, die wirbelige, turbulente Elena, die ihr Herz auf der Zunge trägt, die zu allem eine Meinung hat – eine sehr emotionale Meinung! -, und die immer Rat zu wissen scheint. Die beiden arbeiten eine Strategie aus, was am besten zu tun ist….

Ganz entspannt, ruhig und gemächlich fährt man zu Beginn des Romans in den Gewässern des Erzählens. Der Leser hat Zeit, sich mit den beiden Charakteren vertraut zu machen, über sie nachzudenken, denn auch Elena scheint eine Wunde im Herzen zu tragen, die sie mit ihrer überbordenden Art zu unterdrücken zu versuchen scheint. Micheles Schicksal lässt einen ebenfalls nicht unberührt. Es muss schlimm sein, wenn die Mutter aus dem Leben eines Kindes verschwindet, ohne es wissen zu lassen, warum. Als sein Tagebuch auftauchte, wusste ich nicht, ob ich mich mit Michele freuen sollte oder nicht. War es wirklich nötig, sich der Gefahr auszusetzen, eine tiefe alte, wenn auch offenbar gut verheilte, Narbe wieder aufreißen zu lassen? Darüber denkt sicher jeder anders.

Der kleine Junge von einst beschließt jedenfalls, die Spur seines wiedergefundenen Buches zu verfolgen. Auf dieser Reise nimmt der Fluss des Erzählens beträchtlich an Fahrt auf und durchzieht auch die eine oder andere Stromschnelle. Michele begegnet vielen Menschen – und sich selbst. Dabei macht er viele Erfahrungen, gute wie schlechte, scheint relevante Entwicklungs- und Reifungsstationen des Lebens im Zeitraffer zu durchlaufen und dementsprechend auch sehr sprunghaft und zentrifugal seinen Charakter nachreifen zu lassen, was mir nicht immer gut gefiel. In Micheles persönliche Reise zur Wahrheit ist – man kann es sich denken – eine kleine Liebesgeschichte hineingewoben, die in ihrer Entwicklung ebenfalls sehr unstet ist und voller Überraschungen steckt. Zum Ende hin scheinen aber alle relevanten Charaktere ihre Entwicklung beendet zu haben und auf einem stabilen Fundament für das weitere Leben zu stehen.

Die Idee des Romans gefällt mir sehr gut. Michele arbeitet seine Vergangenheit auf, findet dabei auch zu sich selbst, weil er es schafft, seinen über lange Jahre hinweg kultivierten Panzer einzureißen. Die Umsetzung ist jedoch nicht ganz nach meinem Gusto gelungen. Diese einnehmende Stimmung zu Beginn, das Flaire, das man greifen konnte, diese gefühlte Glaubwürdigkeit Micheles, aber auch Elenas, wurde zunehmend zerstört durch die Überkonstruktion der inhaltlichen Füllung. Zufall reiht sich an Zufall – so unplanbar und überraschend das Leben oft ist, wirkte diese Gestaltung mehr als unglaubwürdig und ein stückweit unglücklich auf mich und so wurde schon sehr bald der weitere Verlauf des Romans im Großen und Ganzen recht vorhersehbar.

Manchmal ist weniger mehr. Einen Großteil der Wirkung hätte der Autor ebenfalls mit weniger Brimborium erreichen können und hätte es dann vielleicht auch besser geschafft, den Charme der Schauplätze und der zarten Bande zwischen Michele und Elena auf dem anfänglichen, Level zu halten. Um es zusammenfassend zu sagen, der Roman hat mir von der Grundidee sehr gut gefallen, aber die inhaltliche Umsetzung sowie die zwischenzeitliche Entwicklung der Charaktere trafen nicht immer meinen Geschmack.

Inhalt
Seit seine Mutter ihn als Kind verlassen hat, lebt der dreißigjährige Michele von der Außenwelt abgeschottet im Bahnhofshäuschen eines verschlafenen, idyllischen Dorfs in Italien. Seine einzige Gesellschaft sind die liegengebliebenen Gegenstände, die er im täglich ein- und ausfahrenden Zug einsammelt und in seinem Zuhause um sich schart. Doch dann begegnet ihm Elena, die sein Leben wie ein Wirbelwind auf den Kopf stellt und ihn aus seiner Einsamkeit reißt. Als er kurz darauf sein altes Tagebuch wiederfindet, das seine Mutter damals mitnahm, als sie aus seinem Leben verschwand, gibt dies den Anstoß für eine wundersame Reise quer durch Italien, die Micheles ganzes Leben verändern wird …

Autor
Salvatore Basile wurde in Neapel geboren und lebt heute in Rom, wo er als Drehbuchautor und Regisseur arbeitet. Seit über zehn Jahren lehrt er kreatives Schreiben an der Alta Scuola in Media Communicazione e Spettacolo dell’Università Cattolica in Mailand. Die wundersame Reise eines verlorenen Gegenstands ist sein erster Roman.
Quelle: Verlagsgruppe Randomhouse

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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4 Antworten zu *+* Salvatore Basile: „Die wundersame Reise eines verlorenen Gegenstands“ *+*

  1. Ich fand es zwischendurch auch etwas überhastet, aber doch sehr berührend….

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