*+* Chris Karlden: „Der Totensucher“ *+*

Auch wenn eigentlich eine grausame Mordserie im Mittelpunkt des Thrillers steht, lag mein persönlicher Fokus während des Lesens noch mehr auf dem Ermittler Adrian Speer. Trotz des furchtbaren Schicksalsschlag, den er vor zwei Jahren erlitten hat – die Entführung seiner Tochter Lucy – hat er nicht aufgesteckt, eher im Gegenteil. Manchmal hat er sich allerdings seit der schlimmen Wende in seinem Leben nicht mehr ganz unter Kontrolle, was ihm eine zwischenzeitliche Suspendierung aus dem Rauschgift-Dezernat einbrachte. Nun bekommt er eine neue Chance, sich zu beweisen, dieses Mal jedoch in der „Mordkommission für schwere Fälle“, und offenbar auch die Chance, etwas zum Verbleib seiner Tochter zu erfahren.

Als innerhalb von nur 24 Stunden bereits zwei übel zugerichtete Leichen entdeckt werden, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um die Taten eines Serienkillers handeln könnten. Einen persönlichen Bezug zu dieser Mordserie bekommt Speer, als der Täter Kontakt zu ihm aufnimmt und ihn auf ein Bild seiner Tochter Lucy stößt, das auf dem Handy des zweiten Mordopfers gespeichert ist. Nun gilt es für Speer, mit Fingerspitzengefühl vorzugehen, um den Verdacht der Befangenheit nicht aufkommen zu lassen und vom Fall abgezogen zu werden – ob ihm das gelingt?

Gemeinsam mit seinem Partner Bogner und Tina Jeschke, die dem Duo unterstützend zugeteilt wird, hat Speer nun eine ganz schöne Nuss zu knacken, denn bei den zwei Morden bleibt es nicht. Auf der Suche nach dem Bindeglied und Gemeinsamkeiten der Opfer, die auf den Killer hinweisen könnten, erleben die Ermittler eine Achterbahnfahrt an Hinweisen, Verdächtigen, Vermutungen und Fehlschlägen, die auch mich als Leser immer wieder ganz schön gefordert hat. Genauso stelle ich mir die Fahndungsrealität vor – Man muss unzählige Hinweise filtern, lässt sich von falschen Spuren aber auch eigenen Fehlinterpretationen in die Irre führen, steht öfter als einem lieb ist immer wieder ganz am Anfang und muss von vorne beginnen. Als aber die akribischen und geduldigen Nachforschungen des Kommissars einen neuen Anhaltspunkt ergeben, scheinen die Ermittler endlich auf die richtige Spur zu gelangen, um die Mordserie aufklären zu können.

In die aktuellen Geschehnisse ist gelegentlich ein Kapitel eingeschoben, das Einblicke in die Welt des Täters gewährt, was mir sehr gut gefallen hat. Denn so erfährt der Leser, was den Mörder zu dem gemacht hat, das er ist, und warum er genau diesen Weg der Kompensation und Rache wählt. Dadurch ist man der Polizei immer ein kleines Stück voraus, und dennoch kam die Auflösung für mich sehr überraschend, sie war aber dennoch schlüssig und plausibel. Für Speer markiert zu guter Letzt die Überführung des Täters zwar eine kleine Erleichterung, aber eine noch größere Enttäuschung, während der Leser sich durch einen Cliffhanger schon auf die Fortführung der Serie freuen kann – ich tue es jedenfalls.

Die Charaktere sind dem Autor gut gelungen. Seitens der Polizei hat er eine bunte Mischung an Persönlichkeiten zusammengestellt, die von allem etwas enthält. Egal ob es sich um „die eiserne Lady“, Kriminalrätin Gomez, handelt, den zugeteilten Staatsanwalt, die Kollegen des Teams, aber vor allem diese drei selbst, alle sind ihrer Wichtigkeit entsprechend ausgearbeitet, und das für meinen Geschmack sehr gut. Während mir Adrian Speer ans Leseherz gewachsen ist, hat sein dienstlich brillanter Kollege Bogner jedoch mit seinem zwar menschlichen, aber zerstörenden und verhängnisvollen Verhalten im Privatbereich einiges an Sympathien bei mir eingebüßt. Die dritte im Bunde, die exzentrische, aber geniale Tina, ist ein wenig im Schatten ihrer Kollegen geblieben, aber vielleicht bekommt sie mehr Raum in den Fortsetzungen!
Auch dem Täter und diversen Nebenfiguren hat der Autor sich intensiv gewidmet. Das hat den gesamten Thriller sehr lebendig und greifbar gemacht. Der flüssige, einfühlsame und dennoch spannende Erzählstil unterstützt das sehr. Atemberaubend spannende Phasen wechseln sich mit berührenden Passagen, in denen man beispielsweise von der furchtbaren Kindheit des Täters erfährt, und entspannenderen Szenen ab. Diese dienen in erster Linie dazu, die Ermittler umfassend vorzustellen, so wie ich es bei einem Auftaktband mag.

Das Erzähl-Geschwindigkeit ist die meiste Zeit über eher gemächlich, wodurch man sich die Geschehnisse und Hintergrundinformationen gut einprägen kann, aber an keiner Stelle langweilig oder gar uninteressant. Zum Schluss hin zieht der Autor dann aber das Tempo ordentlich an und hier ist aufmerksames Lesen vonnöten. Denn nur so ist es möglich, die Auflösung des Falls in seiner gesamten Komplexizität – und die ist unglaublich, aber auch unglaublich klug konstruiert – zu erfassen und auch die Rolle, die Speer nebst seines persönlichen Umfelds und seiner beruflichen Veränderung spielt, zu verstehen.

Mein Fazit:
„Der Totensucher“ ist ein toller Auftakt der neuen Thriller-Reihe um Ermittler Adrian Speer. Das Buch hat mich mit seinem Spannungsbogen, den komplexen Verstrickungen aus Vergangenheit und Gegenwart, den interessanten Einblicken in die Ermittlungsarbeit, den vielen Wenden, kleinen und größeren Überraschungen, seiner schlüssigen Auflösung und einer gut gelungenen Mischung an Charakteren überzeugt. Nun hoffe ich auf zahlreiche Fortsetzungen und freue mich zunächst auf den nächsten Teil!

Inhalt
Ein Serienmörder. Eine verschwundene Tochter. Ein Wettlauf gegen die Zeit.
Adrian Speer hat alles verloren: Seit ihrer Entführung vor zwei Jahren ist seine Tochter verschwunden, und von seinem Job wurde er suspendiert. In einer Abteilung für besonders grausame Gewaltverbrechen wagt er einen Neubeginn. Der erste Fall führt ihn und seinen Partner zu einer alten Fabrikhalle, in der sie eine bestialisch zugerichtete Leiche finden. Schon am nächsten Tag taucht ein weiteres Opfer auf, das nach demselben Muster getötet wurde. Auf dem Handy des Toten entdecken sie ein aktuelles Foto von Speers Tochter. Die fieberhafte Jagd nach dem Serienmörder beginnt.
Ein charismatisches Ermittlerduo unter Hochspannung

Autor
Chris Karlden, Jahrgang 1971, hat Rechtswissenschaften studiert und arbeitet derzeit als Jurist in der Gesundheitsbranche. Er lebt mit seiner Familie im Südwesten Deutschlands. Sein erster Psychothriller »Monströs« war bereits ein großer Erfolg. Mehr zum Autor unter http://www.chriskarlden.de
Quelle: Aufbau Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Chris Karlden: „Der Totensucher“ *+*

  1. Sarah schreibt:

    Eine wirklich überzeugende und fundierte Rezension! Ich werde es mir mal ansehen du hast mein Interesse geweckt. 🙂
    Liebe Grüße

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