*+* Stephanie Danler: „Sweetbitter“ *+*

Tess ist Anfang zwanzig, als sie beschließt, ihrer provinziellen Heimat den Rücken zu kehren und nach New York zu gehen. Sie hat dort wahnsinniges Glück, denn sie bekommt kurz nach ihrer Ankunft nicht nur irgendeinen Job – sie darf als Hilfskellnerin in einem Nobelrestaurant beginnen, einem „großen Tempel des Genusses, in dem nichts der Willkür überlassen wird.“

Sie fängt bei null an und muss sich alles mühsam erarbeiten. Sowohl das Kellnern an sich, als auch sämtliches Hintergrundwissen, das in einem solchen Restaurant unabdingbar ist, will man nach und nach die Karriereleiter emporklettern. Und wieder hat Tess Glück, denn in der Dienstältesten des Personals findet sie eine Art Ziehmutter, eine Mentorin, die ihr gewogen zu sein scheint, und ihr immer wieder dieses Wissen in theoretischer und praktischer Form angedeihen lässt. Leider nehmen diese Passagen im Verlauf des Romans immer mehr ab.

Neben ihrer Arbeit muss sich Tess auch einem weiteren Aspekts des Lebens öffnen – den Menschen. So gut sie sich auch im Restaurant schlägt, so begierig sie dort auch ist, um schnell und viel zu lernen, so unmotiviert ist sie im privaten Bereich. Denn ihr Wirkungskeis beschränkt sich auch dort auf ihre Arbeitskollegen. Sie streckt nicht die Fühler nach den Möglichkeiten aus, die sich ihr sonst noch bieten könnten. Tess scheint in einer Blase zu leben, in der sie durch ihr Sein treibt – und zwar ziellos. Die junge Frau erweckt an keiner Stelle des Romans, dass sie wüsste, was sie sich vom Leben erwartet. Jedoch macht sie auch keinerlei Anstalten, dies herauszufinden. Sie lässt sich motivationslos wie ein willenloses Hündchen von ihren Kollegen mitziehen, ohne zu hinterfragen, ob deren Tun so gut und sinnvoll ist, wie sie ihr permanent vorleben. So kommt es, dass Tess mehr und mehr dem Alkohol und Drogen verfällt und sich mit Körper, Geist und Seele enger und enger an ihre vermeintlichen Freunde bindet.

Am liebsten hätte ich Tess alle paar Seiten aus dem Roman gezogen, kräftig geschüttelt, und sie daran erinnert, dass sie verflixt nochmal in New York ist und ihren Dunstkreis ganz schnell und einfach erweitern könnte, um auch mal etwas anderes zu erleben, als sich mit Drogen vollzupumpen, verkatert zu erwachen, oder sich einer vermeintlichen Liebe aufzudrängen – und somit letztendlich auf der Stelle zu treten.

Die Charaktere sind äußerst grob skizziert. Man erfährt so gut wie nichts zu ihrer Vergangenheit oder ihren aktuellen Hintergründen. Sie wirken allesamt eher oberflächlich und durch ihren nichtssagenden Lebensstil auch nicht wirklich niveauvoll – was im krassen Gegensatz zur Gediegenheit ihres Arbeitsplatzes steht. Leider konnte ich mich mit keinem der Protagonisten identifizieren. Niemand konnte mich überzeugen und die komplette Belegschaft wirkte sehr unsympathisch, naiv und teilweise durchtrieben auf mich. Eine nennenswerte Entwicklung war für mich bei niemandem feststellen, ebenso wenig fand ich einen roten Faden in der Geschichte oder auch nur den Hauch einer Idee, was die Autorin mir mit ihrem Roman sagen möchte. Sollte ihr Buch lediglich darauf abgezielt haben, gute Unterhaltung zu schaffen, hat auch dies bei mir nicht funktioniert.

Der Schreibstil ist variabel. Es finden sich gut strukturierte, sprachlich ansprechende Passagen, aber auch eher verwirrende Passagen, sowie viele Längen. Auch hier spiegelt sich – wie in vielen anderen Aspekten – das „sweet“ und „bitter“ des Titels wider.

Zu Beginn gab es hin und wieder ausführliche, genussvolle Schilderungen der kulinarischen Highlights des Restaurants, jedoch ließen diese schnell nach, und gewährten dem sich immerwährenden Paralleluniversum, dem Hamsterrad aus Alkohol, Drogen, Intrigen und Belanglosigkeiten, leider zunehmend Raum und dekorierten damit die für meinen Geschmack ziel-, niveau-, motivations-, gefühl- und planlose Geschichte. Als ganz schlimm habe ich die Verherrlichung des unreflektierten Drogen- und Alkoholkonsums aller Charaktere empfunden. In New York war ich bisher noch nicht, aber ich hoffe sehr, dass dieser Roman nicht repräsentativ für das dortige Leben ist.

Inhalt
Eigentlich wollte Tess nicht Kellnerin werden. Sie wollte ihrer provinziellen Herkunft entkommen, in die Großstadt eintauchen und endlich herausfinden, wofür sie geschaffen ist. Doch dann landet sie in einem edlen New Yorker Restaurant und es ist wie der Eintritt in ein neues Universum, in dem ganz eigene Regeln und Gesetze herrschen, in dem der falsche Wein im falschen Moment zum Verhängnis werden kann. Oder die Ignoranz gegenüber der Einzigartigkeit einer Auster.
Sweetbitter ist ein großer Roman über den Genuss und die Obsession – darüber, dass man manchmal besessen sein muss, um wirklich genießen zu können.

Autorin
Stephanie Danler fing im Alter von 15 Jahren an, in Restaurants zu arbeiten. Als sie 2006 nach New York kam, um dort kreatives Schreiben zu studieren, begann sie im edlen Union Square Café zu kellnern. Sie verliebte sie sich in die Arbeit, das Essen, die Leute und die Stadt. Inspiriert durch ihre Erfahrungen aus dieser Zeit, schrieb sie ihr Debüt „Sweetbitter“. Stephanie Danler lebt in Brooklyn, New York. Mehr Informationen zur Autorin unter http://www.stephaniedanler.com
Quelle: Aufbau Verlag

 

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Stephanie Danler: „Sweetbitter“ *+*

  1. Mir ging es mit dem Buch ähnlich wie dir – irgendwann habe ich nur noch sinnlos weiter geblättert….

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