*+* Veit Etzold: „Dark Web“ *+*

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Oliver hat sich ganz schön verzockt. Nachdem ihm seine Daytrading-Aktivitäten lange Zeit relativen Reichtum beschert haben, läuft es jetzt gar nicht mehr so gut. Als er dann durch eine Verkettung unglücklicher Umstände endgültig in die Tiefe der roten Zahlen stürzt, kommt ihm das Angebot seines Freundes ganz recht! Der will nämlich eine Online-Plattform gründen und braucht Oliver als Financier. Klingt gut, außer dass die Geschäfte nicht ganz legal sind und im Dark Web über die Bühne gehen sollen. Aber in der Not frisst der Teufel ja bekanntlich Fliegen, also sagt Oliver zu. Hätte er geahnt, welche Kreise dieses Geschäftsmodell nach sich zieht, wäre seine Entscheidung wohl eine andere gewesen. So aber werden schnell skrupellose Drahtzieher der dunklen Internet-Welt auf die Freunde aufmerksam und zwängen ihnen ganz ungeniert eine Zusammenarbeit auf. Diese Kooperation erweitert das Unternehmen um Geschäftszweige, mit denen Oliver und sein Freund ursprünglich nie und nimmer etwas zu tun haben wollten. Aber wenn einem das eigene Leben lieb ist, verschieben sich gelegentlich die Prioritäten und Prinzipien.

„Wer mit Ungeheuern kämpft, muss aufpassen, dass er nicht selbst zum Ungeheuer wird.“

An anderer Stelle wird eine neue Suchmaschine bejubelt. Endlich hat Europa den Amerikanern, die in diesem Bereich bis dato weltweit führend waren, die Stirn geboten. Denn Holos kann dasselbe wie die Datenkrake Google – und noch viel mehr! Cyber-Ermittler atmen erleichtert auf, denn durch eine spezielle Programmierung und besondere Features kann das virtuelle Wunderkind auch als Nebeneffekt bei der Verbrechensbekämpfung helfen. Aber wie wir alle wissen, ist da, wo es viel Licht gibt, auch viel Schatten. Und schon bald erkennt der neutrale Betrachter, dass Holos´ weiße Weste mit vielen Flecken beschmutzt ist und dass die Moral so mancher Protagonisten – nicht nur an dieser Stelle – sehr facettenreich und flexibel ist. Zudem herrschen Zeiten des erhöhten gegenseitigen Misstrauens…

„Wenn alles umsonst ist, bist du der Preis.“

Es gibt aber nicht nur die Bösen. Das Team der Cyberterrorismus-Einheit Nemesis arbeitet mit Hochdruck daran, möglichst vielen Straftätern im dunklen, tiefen Ozean des Dark Web das Handwerk zu legen. Der Cyberkrieg ist vielfältig. Hier geht es nicht nur um die Aufdeckung von Geldwäsche, Drogenkriminallität und Kinderpornografie. Im Bereich des Dark Web, das den weitaus größten Teil des nutzbaren Internets (wir surfen im legalen Teil, dem Clear Web, oder sollten dies besser tun) ausmacht, ist man im Normalfall anonym unterwegs. Und das verführt so manche kaputte Seele dazu, ihre kranken Phantasien und Wünsche in die Tat umzusetzen. Es kann eigentlich nichts passieren, denn die Gefahr, erkannt zu werden, ist sehr hoch. Der Täter kann aus dem Vollen schöpfen, nur die Opfer haben Pech gehabt. Aber es kann halt nicht jeder gewinnen, oder? So kaltschnäuzig und gefühllos denken und handeln leider viele der Akteure in diesem dunklen Ozean der unbegrenzten Möglichkeiten. Mir lief es immer wieder kalt den Rücken herunter, wie knallhart manche Figuren ihr Ding durchzogen, ohne Rücksicht auf Verluste. Dass Kollateralschäden fast auf der Tagesordnung stehen, liegt auf der Hand.

„Es gibt eine Menge Dinge, die wir gern machen würden, aber leider nicht tun können, weil sie illegal sind. Weil es Gesetze gibt, die sie verbieten. Wir sollten ein paar Orte haben, wo wir sicher sind.“

Veit Etzold hat einen hochspannenden Thriller konstruiert, bei dem sich die einzelnen Handlungsstränge im Laufe der Zeit sehr gut miteinander verweben. Zu Beginn hatte ich etwas Probleme in die Geschichten hineinzukommen, weil es mehrere Schauplätze und viele Charaktere gibt, aber nach dem „Einlesen“ saß ich sattelfest im Buch und mein Lesetempo steigerte sich schnell vom anfänglichen Schritttempo zum Galopp. So schrecklich viele Schilderungen auch waren, nach dem Lesen des Nachworts war mir klar, dass man diese Dinge, die ursprünglich nicht auf des Autors Mist gewachsen sind, leider so benennen muss, wie sie heißen. Nur so begreift der Leser, wie verstörend die Ideen, die im Dark Web herumwabern, tatsächlich sind, und wie krank demnach deren Denker sein müssen. Rund um diese theoretischen und praktischen Wahrheiten rankt sich ein Handlungsnetz, das sich nach und nach immer mehr zuzieht.
Einiges wird sicher vereinfacht und im Zeitraffer dargestellt, dennoch hat der Autor alles vollständig, interessant und fesselnd geschildert und die Seiten flogen nur so. Ich konnte nur sehr schwer mit dem Lesen aufhören, wollte einfach nur, dass den Bösen das Handwerk gelegt wird, und zwar schnell! Dass ich dabei mit den Opfern – welcher Art auch immer – hoffte, bangte und um ihr Leben las, muss ich wohl nicht extra erwähnen.

Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet. Egal, ob es sich um die beiden Gründer der illegalen Firma, Oliver und seinen Freund, handelt, oder um deren harte Verhandlungspartner, die den beiden ihren Willen aufdrücken. Egal, ob es sich um das Team von Nemesis handelt, oder die Opfer, die den skrupellosen Tätern ausgeliefert sind, oder auch die Randfiguren, die dem Thriller etwas Beiwerk liefern, sie alle konnten mich überzeugen und wirken authentisch und glaubhaft.

Einen dicken Pluspunkt gibt es für die brillante Recherche im Großen und im Kleinen -wie in bisher jedem Buch des Autors, das ich kenne. Egal, ob Veit Etzold die umfangreichen Hintergründe zu manchen Sachverhalten schildert, oder immer mal wieder kleinere Infos einstreut, man spürt sehr wohl, dass er genau weiß, worüber er schreibt!

Mehr über Veit Etzolds Thriller auf meinem Blog findet sich hier:
Veit Etzold: „SKIN“
Veit Etzold: „Todesdeal“
Veit Etzold: „Der Totenzeichner“

Inhalt
Eine Cyber-Ermittlerin, ein Online-Broker und eine neue, gigantische Suchmaschine agieren im Zentrum dieses hochrealistischen Thrillers über Cyber-Terrorismus.

Die Suchmaschine. Mit Holos hat Europa endlich sein eigenes Google. Was niemand weiß: Die Datenkrake, die von Politikern, Promis und Presse bejubelt wird, verfügt über gefährlich viel Geld und hochsensible Daten – und ihre Ursprünge liegen in einem geheimen Forschungskomplex.

Oliver Winter. Als dem Daytrader wegen mies laufender Börsengeschäfte das Wasser bis zum Hals steht, stürzt er sich ins DARK WEB. Hier dealt er mit illegalen Waren. Sein Problem: Bald schon soll Oliver für ein russisches Mafia-Kartell nicht nur Drogen und Waffen verkaufen, sondern auch Menschen. Darunter sogenannte Dolls, Frauen, die durch Amputationen und Gehirnwäsche zu reinen Objekten wurden.

Jasmin Walters. Sie leitet die Cyberterrorismus-Einheit Nemesis, angesiedelt zwischen BND und BKA. Nach und nach begreift Jasmin, dass der vermeintlich segensreiche Internetriese Holos nicht nur im Internet, sondern auch im DARK WEB operiert.

Autor
Dr. Veit Etzold ist Autor von sechs Spiegel-Bestseller-Thrillern, die in sieben Sprachen übersetzt wurden. Er studierte internationales Management an der IESE Business School mit Stationen in Barcelona, New York, San Francisco / Silicon Valley und Shanghai. Er arbeitete für die internationale Strategieberatung Boston Consulting Group in Europa, Asien und den USA, Booz & Company, die Allianz Gruppe und als Berater für die globale Bergbaufirma Gaia Mineral Resources und die Investmentholding African Development Corporation in Ruanda, Hong Kong und Peking. Er ist Berater des Auswärtigen Amtes, Mitglied in unterschiedlichen Expertengruppen der Atlantikbrücke und Dozent für Geopolitik an der IESE Business School und an der Singapore Management University. http://www.veit-etzold.de/
Quelle: Droemer Knaur Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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Eine Antwort zu *+* Veit Etzold: „Dark Web“ *+*

  1. Liebe Heike,
    eine tolle Rezension. Das Buch klingt wirklich nach einem unheimlichen, aber spannenden Thriller, der sehr gut recherchiert zu sein scheint. Ich behalte das Buch mal im Auge. Vielen Dank für den Tipp. 🙂
    Liebe Grüße
    Nicole

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