*+* Stefan Ahnhem: „Minus 18 Grad“ *+*

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Bei einer halsbrecherischen Verfolgungsjagd stürzt ein Auto an der schwedischen Westküste ins Meer. Ein klarer Fall, so lautet anfangs die einhellige Meinung. Bis der Gerichtsmediziner auf Unstimmigkeiten stößt…
In Dänemark treiben Täter ihr Unwesen. Jedoch geht es bei ihnen um keinerlei materielle Anreize, sondern lediglich darum, kranke Triebe zu befriedigen – ohne Rücksicht auf Verluste. Man könnte fast sagen, mit viel Fürsorge und Mühe für möglichst viele qualvolle Verluste.
In den schwedischen Fall werden diese Taten auf Seiten Dänemarks zunächst recht schwach, später immer stärker eingeflochten, bis zum Schluss eine glückliche Verkettung unglücklicher Umstände zum Abschluss der Verbrechen auf beiden Seiten führt.

Aus einem zunächst einfach erscheinenden Fall – denn die Leiche aus dem Hafenbecken konnte doch nur einem Unfall oder einem Selbstmord geschuldet sein, oder? – wird ein immer komplexer, fast schon unüberschaubar großes, anwachsendes Gebilde, dessen Vollendung durch eine zeitlich perfekte, dramaturgisch raffiniert gesetzte Verschmelzung mit dem dänischen Verbrechenskatalog zusammenfällt.

Der Schreibstil ist spannend und flüssig und trieb mich zunächst sehr schnell durch die Kapitel. Mit der Zeit kamen jedoch so viele Wenden, Personen und eine immer trübere, melancholisch-düstere Stimmung auf, die mich eher bedrückten als dass sie mir fesselnde Spannung bescherten. Die Logik, die die zeitliche Machbarkeit der vielfältigen Taten in Schweden betraf, hinkte zum Schluss sehr. Das ließ die Erzählwelt nicht nur durch ihren unrealistischen Plot sehr unglaubwürdig erscheinen. Dass Thriller überwiegend erdacht sind, liegt auf der Hand. Ich lasse mich auch gerne auf einen kreativen Erzähl-Kosmos ein, aber er sollte idealerweise eine runde Sache und stimmig sein – was er hier an einigen Stellen nicht ist. Nicht so pingelige Leser stört das vielleicht nicht und sie werden darüber hinwegsehen. Möglicherweise gefällt anderen Thrillerfreunden auch die an einigen Stellen bis auf die Spitze getriebene Grausamkeit besser als mir. An einigen Stellen werden übelste Quälereien detailliert und mit einer gewissen Begeisterung an den Leser herangetragen, was meine persönliche Grenzen bei weitem überschritt. Aber auch hier gilt:
Die Geschmäcker sind verschieden, jeder hat andere Vorlieben, auch bei Büchern.

So ließ meine anfängliche große Begeisterung nach und nach immer mehr Federn, aber es gibt auch vieles, was mir gefallen hat. Die Ausarbeitung der Charaktere ist sehr gut gelungen, sie wirken allesamt lebhaft und greifbar, wenn auch manchmal nicht vorhersehbar in ihren Taten und Reaktionen. Der Schreibstil an sich ist sehr einnehmend und bis weit in das Buch hinein gefiel mir die Menge an Charakteren und Handlungssträngen auch wirklich gut. Als der Autor dann auf´s Gas gedrückt hat, wurde das Tempo richtig hoch und es tauchen ständig neue Aspekte und Zwischenverbindungen auf. Auch an scharfen Erzähl-Kurven mangelt es nicht.

Diese vielen Schleifen und Abzweigungen wären gar nicht nötig gewesen, auch nicht die oft sehr ins Detail gehenden Schilderungen. Die Fälle waren so schon greifbar und präsent genug und auch Spannung wohnte dem Thriller eigentlich von Anfang an inne. Hier wäre vor allem zum Ende hin weniger mehr gewesen. Das intensive Schaulaufen um den roten Faden herum und die stellenweise Fokussierung des Grauens wirkten auf mich persönlich eher kontraproduktiv.

„Minus 18 Grad“ ist der dritte Fall aus der Reihe um Fabian Risk. Neben den Verbrechen in Schweden und Dänemark ist das Privatleben der Ermittler ein Thema. Auch wer sie noch nicht kennt, bekommt gute Einblicke in ihre Figuren, ihre Persönlichkeiten und Eigenschaften sowie ihr Miteinander und die Päckchen, die ein jeder von ihnen zu tragen hat.
Eine Mischung aus privat und dienstlich markiert zum guten Schluss einen Cliffhanger, der im nächsten Band zu einer ganz großen Sache werden könnte!

Inhalt
In Helsingborg an der schwedischen Westküste wird ein Auto aus dem Hafenbecken geborgen. Eigentlich wäre der Fall klar: ein Unfall. Doch bei der Obduktion stellt sich heraus, dass der Fahrer schon lange tot war, als das Auto ins Wasser stürzte. Kommissar Fabian Risk und seine Kollegen untersuchen den mysteriösen Todesfall. Jemand glaubt, den Toten erst letzte Woche gesehen zu haben. Wie ist das möglich? Risk hat einen Verdacht, aber der ist so absurd, dass er ihn zunächst selbst nicht glauben will. Die Indizien lassen nur einen Schluss zu – es handelt sich um einen Mörder, der das Leben seiner Opfer komplett übernimmt. Er tötet sie, kleidet sich wie sie, spricht wie sie. Nur durch Zufall ist die Polizei jetzt auf seine Spur gekommen. Der Tote im Hafenbecken war nicht sein erstes Opfer, und noch lange nicht sein letztes …

Autor
Stefan Ahnhem ist einer der erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Seine Bücher sind allesamt Bestseller und preisgekrönt. Mit seinem Debüt Und morgen du schaffte er auf Anhieb den Sprung auf die Bestsellerliste. Bevor Ahnhem begann, selbst Krimis zu schreiben, verfasste er Drehbücher unter anderem für die Filme der Wallander-Reihe. Er lebt mit seiner Familie in Stockholm.
Quelle: Ullstein Buchverlage

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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