*+* Melisa Schwermer: „So dunkel die Angst“ *+*

Raffiniert wird eine Frau auf einem Supermarkt-Parktplatz von einem Unbekannten entführt – und sie ist nicht die erste. Der Fremde reibt sich innerlich die Hände, denn nun hat er einen Neuzugang für seinen Keller….Schon in diesem ersten Kapitel spürte ich eine große Spannung, die sich unterschwellig, aber auch ganz offensichtlich zeigte. Vom ersten interessierten Gedanken des Mannes bis zur tatsächlichen Entführung las ich mit zumeist angehaltenem Atem. Würde er die junge Frau wirklich in seine Gewalt bringen? Oder ließ er nur seinen Fantasien freien Lauf? Wie wollte er seinen Plan denn auch auf so einem belebten Platz umsetzen? Was hatte er mit ihr vor? War seine Entscheidung spontan oder von langer Hand geplant? Wie durchtrieben der Täter war und zu welchen Dingen fähig, ließ sich bereits in diesem ersten Kapitel erahnen. Und diese Ahnung bestätigte sich später von Kapitel zu Kapitel mehr.

Das variable Verhaltensrepertoire des Täters macht es ihm leicht, Frauen ohne großes Aufhebens in seine Gewalt zu bringen, und sie später nach seinem Gusto „zu erziehen“.
Wie aber tut er dass? Wie ist er zu dem Monster geworden, das er ist? Warum tut er ihnen das an? Wie reagieren seine Gefangenen? Wie halten sie diese kranken Umstände und Zustände aus? Wie würde ich klarkommen, wäre ich plötzlich in einem Keller gefangen, auf Gedeih und Verderb dem Täter ausgeliefert? Würde ich gute Miene zum bösen Spiel machen? Würde ich kapitulieren? Oder versuchen, mit den mehr als begrenzten Mitteln meinem Leben ein Ende zu setzen? Eine Fluchtmöglichkeit suchen ohne Rücksicht auf die möglichen Konsequenzen? Oder mich lieber – ganz schön feige – versuchen, lieb Kind zu machen, in der Hoffnung, so besser durchzukommen? Was tun die Frauen? Wie entwickeln sie sich? Wie kommen sie miteinander aus?
Schon ganz zu Beginn schlugen meine zahlreichen Gedankengänge Purzelbäume.

Was mir sehr, sehr, sehr gut gefallen hat, ist, dass die Autorin das Hauptaugenmerk auf die psychische Entwicklung der Frauen gelegt hat.
Die schlimmen Dinge, denen sie ausgesetzt waren, wurden nicht reißerisch und sensationsgierig geschildert. Man hat eher nebenbei von diesen Grausamkeiten erfahren, etwa als die heimgekehrte Sophie wenig später ärztlich untersucht wird. Das Kopfkino beschwor an solchen Stellen immer wieder sehr unbequeme Szenen hervor, die mich emotional an die Gefangenen im Keller banden. Ich fühlte mich ihnen sehr nahe und fragte mich, ob und wie sie diese peinigende Lebenszeit jemals würden verarbeiten können. Immerhin waren sie nicht allein in ihrem Verlies, sowas sollte doch zusammenschweißen und die Dinge besser erträglich machen, oder?

Die Autorin erzählt die Geschichte der Gefangenen anhand zweier Zeitstränge.
Wir erleben, wie Sophie freikommt und was sich daraufhin zuträgt. Der Leser erfährt rückblickend aber auch, warum und wie der Täter sich der Frauen bemächtigt hat, wie er sie später behandelt hat, und welche Entwicklung seine Opfer daraufhin genommen haben. Dabei hat Melisa Schwermer umfassende, überzeugende Psychogramme gestaltet, die mich in ihrer Entwicklung und den Folgen sehr berührt und stellenweise ziemlich nachdenklich gestimmt haben.

Natürlich ist damals zuhause bei Sophie schnell aufgefallen, dass sie nach dem angeblichen Kinobesuch nicht zurückgekommen ist. Fabian Priors Untersuchungen verliefen nach anfänglichem Erfolg leider im Sand. Als die nun erwachsene Frau plötzlich zurückkehrt, ist seine Motivation umso größer, den Fall  mit seinem Kollegen zu lösen. So durchziehen den Thriller neben den beiden Zeitachsen, die die Gefangenen betreffen, auch Kapitel, die sich um Fabian Prior drehen – dienstlich, aber auch privat. Dabei kann der liebenswerte Ermittler wieder ordentlich bei mir punkten, denn er verrichtet einfühlsam und menschlich seinen Dienst. Zudem gibt es mit einer Protagonistin seines vorigen Falles ein erfreuliches Wiedersehen…..

„So dunkel die Angst“ ist eine gelungene, ausgewogene Mischung aus spannenden und auflockernden Passagen. Die Charaktere werden sehr glaubhaft und zudem psychologisch detailliert ausgearbeitet und bilden das Gerüst für diesen intensiven Thriller. Aber auch Sophies Familienmitglieder als indirekt Betroffene werden überzeugend beleuchtet. Zum Schluss waren zudem alle meine Fragen zum Fall und seinen Protagonisten beantwortet.
Somit ist nach „So bitter die Schuld“ auch der zweite Fall für Fabian Prior eine ganz runde Sache für mich, den ich allen Fans relativ unblutiger Thriller nur ans Herz legen möchte.

Inhalt
Der Fall von Sophie Gauthier stellt Fabian Prior und Thomas Wendtner vor ein Rätsel. Von einem angeblichen Kinobesuch mit Freunden kehrte die Sechzehnjährige nicht wieder nach Hause zurück. Jahre später steht sie plötzlich völlig verwahrlost vor der Tür ihrer Eltern. Offensichtlich konnte sie ihrem Peiniger nur knapp entkommen. Doch etwas scheint an ihrer Geschichte nicht zu stimmen. Was verschweigt sie den Beamten? Je intensiver sich Fabian und Thomas mit dem Fall beschäftigen, desto tiefer erscheinen die Abgründe vor ihnen.

Autorin
Als Tochter eines Lehrers und einer Heilpädagogin entscheid sich Melisa Schwermer für die Rebellion gegen die Ansichten und Forderungen ihrer Eltern und somit gegen das Abitur. Nach einer Lehre als Industriekauffrau und dem Abitur am Abendgymnasium studierte sie Germanistik und Philosophie. Derzeit promoviert sie in Literaturwissenschaft und arbeitet als Berufsschullehrerin sowie als Universitätsdozentin.

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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4 Antworten zu *+* Melisa Schwermer: „So dunkel die Angst“ *+*

  1. Liebe Heike,

    das klingt nach einem sehr lesenswerten und spannenden Thriller! 🙂 Die Bücher um Fabian Prior werde ich auf jeden Fall im Auge behalten. Dank dir habe ich hier ja Melisa Schwermers Roman „Abgewiesen“, auf den ich schon sehr gespannt bin.

    Liebe Grüße
    Nicole

  2. Denise Yoko Berndt schreibt:

    Um dieses Buch „schleiche“ ich schon seit einiger Zeit herum. Nach deiner Rezension werde ich es mir wohl endlich zulegen!

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