*+* E.M. Forster: „Die Maschine steht still“ *+*

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Zu Beginn der Dystopie lernen wir Vashti kennen. Sie lebt in einer sechseckige Zelle in einem bienenkorbähnlichen System. Sie fühlt sich fast aller Pflichten, aber leider auch fast aller Rechte entledigt, sehr wohl dort.

„Das Zimmer war so gut wie leer, und doch stand es mit allem in Verbindung, was Vashti wichtig war.“

Ihr Sohn Kuno kontaktiert sie. Er hat den Orion am Nachthimmel entdeckt und möchte gerne seine Faszination der Schönheit der Sterne mit der Mutter teilen. Das stürzt Vashti in einen tiefen Konflikt. Denn um ihrem Sohn seinen Wunsch zu erfüllen, müsste sie die Sicherheit ihrer Zelle verlassen. Zudem versteht sie seine Begeisterung für „Das Äußere“ nicht. In ihrer Zelle hat sie doch alles, was sie braucht. Hier lebt sie, schläft, isst, arbeitet, lernt, steht im virtuellen Kontakt zu ihren Freunden, wird medizinisch versorgt, geht ihren Hobbies nach. Sie scheint fast schon mit ihrer Zelle verschmolzen.

Vashti zu erleben, machte mich schaudern.
Ein schrecklicher Gedanke, derart abhängig von einer Maschine zu sein. Derart eins mit ihr zu sein, dass man ihr das eigene Denken und den eigenen Willen fast komplett überlässt. Diese Unreflektiertheit des Lebensstatus, dieses Ablehnen des Natürlichen, die verschlossenen Augen und der blinde Glaube an die Maschine. Das nicht hinterfragte sich Hingeben in ungewisse Datentechnik, die – man kennt es selbst – ganz sicher nicht unfehlbar ist.

„Zunächst beschwerte man sich hartnäckig, dann nahm man es hin, und schließlich war es vergessen.“

Selbst wenn in diesem Maschinenzeitalter die elterlichen Pflichten mit der Geburt des Kindes enden, Kuno ist und bleibt Vashtis Sohn und so macht sie sich entgegen all ihrer Überzeugungen auf, seinen Wunsch zu erfüllen. Sie springt über ihren Schatten, will sich von Angesicht zu Angesicht mit ihm treffen, obwohl ihr selbst der unemotionale Kontakt via Bildschirm gereicht hätte. Aber Kuno misstraut der Maschine und akzeptiert nur ein persönliches Gespräch mit der Mutter, obwohl er genau weiß, dass diese „das Grauen des direkten Erlebens packt“, und zudem eigentlich gar keine Zeit für ihn hat, weil die Maschine sie ständig mit neuen Inputs versorgt.

„Gereiztheit, ein Wesenszug, der in jenem beschleunigten Zeitalter um sich griff.“

Außerhalb ihrer Zelle versucht Kuno, ihr sie Augen zu öffnen. Das blinde Vertrauen, die demütige Hingabe vor dem System der göttlichen Maschine, diese Bequemlichkeit und auch eine gewisse Arroganz, die Vashti an den Tag legt, wenn es um ihren heiligen und verehrten Bienstock geht – Kuno zeigt eindrucksvoll auf, wie falsch das Leben ist, dass die Mutter führt. Nicht die stereotypiesierte, perfekt getaktete Welt im Baukastenprinzip sollte das Maß aller Dinge sein, sondern der Mensch!

„Ehe es völlig still wurde, öffneten sich ihre Herzen, und sie wussten, was wirklich wichtig gewesen war auf Erden.“
Vashti beginnt schließlich, zu begreifen. Aber kommt dieses Erkenntnis früh genug?

„Die Maschine steht still“ wurde 1909 verfasst – lange bevor es die ersten Computer gab. Diese Tatsache hat meine Faszination für die Erzählung weiter gesteigert. Woher konnte der Autor um die stets steigende Macht der Maschine wissen, wieso konnte er bereits lange vor der Erfindung des Internets diese gravierende Vernetzung der Menschheit erahnen?
Zum Glück sind wir noch lange nicht so weit wie die Menschheit in diesem Buch. Solange wir verantwortungsvoll mit der fortschreitenden Technik umgehen, werden wir hoffentlich kein ähnliches Szenario erleben.
Wie immer gilt: Die Dosis macht das Gift. Es liegt in unserer Hand!

Inhalt
In E. M. Forsters Dystopie leben die Menschen in einer unterirdischen, abgekapselten Welt mit allem Komfort: Das ganze Leben ist durch die Dienstleistungen der »Maschine« perfekt geregelt. Die Menschen haben kein Bedürfnis mehr nach persönlichen Begegnungen, man kommuniziert nur über die Maschine, die über allem wacht. Ihr Handbuch ist zu einer Art Bibel geworden, die Menschen sind gefangen in ihrer absoluten Abhängigkeit von der Technik, die sie nicht mehr kontrollieren können. Doch nach und nach geht das Wissen, das hinter der Maschine steckt, verloren und das System wird anfällig für Pannen …
E. M. Forsters visionäres Werk wirft Fragen auf, die von großer Aktualität sind: Wie kann der Mensch seine Selbstbestimmung wahren gegenüber Maschinen, die immer stärker unser Leben bestimmen?

Autor
E. M. Forster (1879–1970) gehört zu Englands bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts, Romane wie Wiedersehen in Howards End oder Zimmer mit Aussicht sind Klassiker der Moderne. In seinem Roman Maurice behandelte er das zu damaliger Zeit tabuisierte Thema der Homosexualität. Forster hielt den Roman, der erst postum erschien, fast ein halbes Jahrhundert geheim. Seine dystopische Erzählung Die Maschine steht still ist erst vor kurzem im englischsprachigen Raum von Lesern wiederentdeckt worden.
Quelle: Hoffmann und Campe Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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