*+* T.C. Boyle: „Die Terranauten“ *+*

„Ecosphere 2“ – DER Traum für jeden Wissenschaftler!
Nach dem erfolgreichen Abschluss der Qualifizierungsphase winkt der Hauptgewinn:
Zwei Jahre in einem von der Außenwelt abgeschlossenen System zu verbringen – Ein Überlebensversuch für den sehr langfristigen Plan, Leben ins All auszusiedeln.
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Der naturwissenschaftlich interessierte Literatur-Liebhaber mag sich die Hände reiben, denn unbewusst spielen sich vielleicht bereits Szenen vor dem inneren Auge ab.
Die acht auserwählten Terranauten, wie sie Hand in Hand motiviert und fasziniert in ihrem Terrain denken, planen, umsetzen, hegen, pflegen, sich gemeinsam über Erfolge freuen, sich bei Rückschlägen Halt geben, um mit vereinter Teamkraft weiterzumachen, das Projekt als kleinstes gemeinsames Vielfaches und als gemeinsamen Nenner stets und kompromisslos in den Vordergrund rückend, ohne Platz für persönliche Befindlichkeiten. Denn sie sind Wissenschaftler, brennen für ihre Forschungsaufgabe – warum sonst sollten sie ihrem Alltag freiwillig für zwei Jahre den Rücken kehren? – und ihr gemeinsames Ziel ist es, die „Ecosphere 2“ sicher in den Hafen des Erfolgs zu fahren, um es dem nachfolgenden Team in bestmöglichem Zustand übergeben zu können.

Die charakterliche und inhaltliche Schere zwischen meiner persönlichen Erwartung und der tatsächlichen Erfüllung könnte weiter nicht auseinanderklaffen.
Denn die Figuren, die T.C. Boyle in die Geschichte schreibt, lassen die vermutete Begeisterung für das Projekt arg vermissen. Sie brennen zwar, aber nicht in erster Linie für ihre herausragende Aufgabe und Chance, sondern für ihre Teamkollegen – sie brennen darauf, die anderen auszustechen, aus dem Miteinander ein Einzelkämpfertum zu veranstalten. Die Leidenschaft spielt sich nicht im Kopf ab, sondern ist rein körperlicher Natur. In Situationen, wo es darauf ankommt, gönnen die den anderen nicht das Schwarze unter dem Fingernagel. Und als sie gezwungenermaßen im Laufe ihrer gemeinsamen Zeit im System mehr als ursprünglich vereinbart an die „Kollegen“abgeben müssen, verzeichnet die ohnehin häufig sehr angespannte Stimmung bedenkliche Ausschläge ins negativ Extreme. Miteinander geht anders!

Das Projekt selbst, sein Funktionieren, die Probleme, die auftauchen, und deren Lösung nehmen leider, leider wenig Raum im recht umfangreichen Roman ein.
Man spürt sehr oft sehr deutlich, dass dem Autor das Projekt selbst eigentlich sehr egal ist. Denn er verfährt nach dem Rezept:
Man nehme die „Ecosphere 2“, entkerne sie komplett, bis nur noch die räumlichen Gegebenheiten vorhanden sind, ersetze die tatsächlichen Figuren mit ihren tatsächlichen Eigenschaften gegen eine Besatzung, die man vom Niveau her gut und gerne in einen Big Brother Container oder ins Dschungelcamp stecken könnte und guckt, wie sie sich schlagen. Mit dem damaligen Projekt, das es wirklich gegeben hat (Link) , hat dieser Roman herzlich wenig zu tun.

In Boyles Geschichte erhält man immer mehr den Eindruck, dass nicht der naturwissenschaftliche Erfolg des Ganzen im Vordergrund steht und das Hauptziel ist.
Vielmehr geht es den privaten Investoren darum, das Projekt bestmöglich zu vermarkten. Da kann es dann schonmal passieren, dass nicht der bestqualifizierte Bewerber seinen verdienten Platz erhält, sondern jemand erwählt wird, dessen Haarfarbe besser zum Gusto der Nation passt. Natürlich ist es zu Unterhaltungszwecken sicherlich geschickter, Protagonisten zu wählen, die nichts anbrennen lassen und durch ihre Eigenschaften das eine oder andere Hauen und Stechen provozieren. Die Zuschauer wollen schließlich etwas für ihr Geld sehen! Mit seriöser Berichterstattung hat das alles nichts zu tun, mit Glaubhaftigkeit noch viel weniger – sehr schade!

Hätte der Autor seine Gesellschaftsstudie in ein unwegsames Survival-Gebiet verlegt und nicht den Leser/ Hörer mit der Location „Ecosphere 2“ und dem Titel „Terranauten“ geködert und so falsche Erwartungen heraufbeschworen, hätte dieser Roman bei mir sicherlich besser abgeschnitten. So muss ich leider sagen, waren die „Terranauten“ meine seit Langem größte literarische Enttäuschung.

In der Hörbuch-Version kommen analog zu den drei Hauptprotagonisten, aus deren Perspektive die Geschehnisse erzählt werden, auch drei Sprecher zum Zug.
Wie lernen Dawn und Ramsay aus dem Team der Auserwählten ebenso kennen wie Linda, die die Qualifikationsrunde nicht überstanden hat, sich aber für die nächste Forschungsperiode erneut bewirbt.
Während August Riehl (Ramsay) und Ulrike C.Tscharpe (Linda) ihre Figuren sprachlich so umsetzen, dass ich es als synchron zu den Stimmungen, die aus den Schilderungen entstanden sind, empfand, hatte ich ganz lange Zeit Schwierigkeiten, Eli Wasserscheids Vertonung von Dawns Passagen nachzuvollziehen. Denn Dawn, die ich nach ihrem ersten Part als ganz okay eingestuft hatte, wird von ihrer Sprecherin sehr gleichgültig, zickig und ein wenig weltfremd dargestellt, was im Rückblick betrachtet jedoch eine sehr treffende Umsetzung ist!

Inhalt
Was passiert, wenn man vier Männer und vier Frauen in ein riesiges Terrarium einsperrt? T. C. Boyles fabelhafter Roman, basierend auf einer wahren Geschichte, erzählt vom halsbrecherischen Versuch, eine neue Welt zu erschaffen, um sich vor dem Untergang unserer eigenen zu retten. Zwar bleibt die schöne neue Welt im Glas von Kriegen, Epidemien und Umweltkatastrophen verschont. Doch es kommt darauf an, wer mit im Glashaus sitzt. Und die Hölle, das sind immer die anderen …

Autor
T.C. Boyle wurde 1948 in Peekskill, im Hudson Valley, geboren und wuchs in schwierigen Familienverhältnissen auf. Nach ausschweifenden Jugendjahren in der Hippie- und Protestbewegung der 60er Jahre war Boyle Lehrer an der High School in Peekskill und publizierte während dieser Zeit seine ersten Kurzgeschichten in namhaften Zeitschriften. Heute lebt er mit seiner Frau und drei Kindern in Kalifornien. Bis ins Jahr 2012 unterrichtete er an der University of Southern California in Los Angeles ‚Creative Writing‘. Für seinen 1987 erschienenen Roman „World´s End“ erhielt Boyle den PEN/Faulkner-Preis.

Sprecher
August Diehl, geboren 1976, wurde für seine Rollen auf der Bühne sowie in Kino und Fernsehen bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Deutschen Filmpreis als bester Hauptdarsteller und mit dem Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsdarsteller für seine Rolle im Kinofilm „23“ . Gleich mehrere Auszeichnungen erhielt er für sein Spiel an der Seite von Daniel Brühl in Achim von Borries 20er-Jahre-Tragödie „Was nützt die Liebe in Gedanken“. 2009 gehörte er zum legendären deutschen Cast von Quentin Tarantinos Kinoerfolg „Inglorious Basterds“. In „Salt“ wurde er als Ehemann an der Seite von Angelina Jolie besetzt. 2012 war er in „Wir wollten aufs Meer“ im Kino zu sehen. 2013 stand er mit Jeremy Irons, Mélanie Laurent und Charlotte Rampling für „Nachtzug nach Lissabon“ von Bille August vor der Kamera. August Diehl spielt zudem als Gast am Wiener Burgtheater. 2014 wurde er mit dem Wiener Theaterpreis „Nestroy“ für seine Darstellung des Hamlets ausgezeichnet. Im Hörverlag ist er in Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“, sowie im Filmhörspiel „Buddenbrooks“ zu hören.

Ulrike C. Tscharre wurde 1974 in Bad Urach geboren. Sie studierte neuere deutsche und englische Literatur und ließ sich danach an der Akademie für Darstellende Kunst in Ulm zur Schauspielerin ausbilden. Neben Rollen in den verschiedensten Theaterstücken spielte sie in vielen Fernsehproduktionen, wie z. B. „Alarm für Cobra 11“, „Höllische Nachbarn“, „Ina und Leo“ und „Nesthocker“. Seit Juni 2001 gehört sie als Marion Beimer zum festen Ensemble der „Lindenstraße“. Sie wirkt in auch in mehreren Hörbuchern mit. Mit „Abby Lynn“ verbindet Ulrike C. Tscharre ihre Liebe zur Natur und ihr Streben sich gegen Vorurteile und Intoleranz einzusetzen. Zuletzt ist sie in der „Wallander“ Reihe des Hörverlags zu hören.

Eli Wasserscheid, geboren 1978 in Bamberg, ist eine deutsche Schauspielerin. Ihre Ausbildung absolvierte sie an der Neuen Münchner Schaupielschule. Seit 2002 steht sie regelmäßig im Metropolthetaer München auf der Bühne. Man kennt sie außerdem aus Fernsehproduktionen wie „Polizeiruf 110“, „SOKO“ oder dem „Tatort Franken“, in dem sie eine durchgehende Hauptrolle spielt. Sie war bereits in mehreren Kinofilmen zu sehen, wie beispielsweise „Schweinskopf al dente“, „Dampfnudelblues“ oder zuletzt „Die abhandene Welt“. 2014 wurde sie mit dem Monica Bleibtreu-Preis in der Kategorie „(Moderner) Klassiker“ ausgezeichnet.
Quelle: Randomhouse

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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Eine Antwort zu *+* T.C. Boyle: „Die Terranauten“ *+*

  1. Liebe Heike,

    ich habe ja das Buch gelesen, das mir zwar ganz gut gefallen hat, aber die Punkte die du kritisierst, kann ich nachvollziehen. Mir hat auch der Teamgeist innerhalb der Kuppel gefehlt und irgendwie wurden mir die Charaktere einfach nicht sympathisch. Das fand ich etwas schade.

    Liebe Grüße 🙂
    Nicole

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