*+* Han Kang: „Die Vegetarierin“ (Hörbuch) *+*

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Yeong-Hye ist an Durchschnittlichkeit und Gewöhnlichkeit nicht zu übertreffen – dachte ihr Mann, und hat sie genau deshalb als Ehefrau gewählt. Schon bald trifft ihn eine Erkenntnis, die zunächst nur kleine Risse in die perfekte Fassade seines Lebens bringt, im Lauf der Zeit aber in einer Katastrophe endet.

„In diesem Augenblick wurde mir klar, dass ich meine Frau nicht kannte.“

Der Ehemann, den eine erschreckende Gleichgültigkeit leitet, die nur vom Desinteresse an seiner Frau übertroffen wird, weiß überhaupt nichts mit Yeong-Hyes Rebellion anzufangen.
Alles beginnt ganz harmlos- Die Ehefrau ist doch nicht so durchschnittlich und gewöhnlich wie erhofft. Sie fügt sich nicht stillschweigend in ihr Schicksal und verweigert eines Tages ihr automatisches Funktionieren. Yeong-Hye erledigt zwar nach wie vor ebenso leidenschaftslos ihre häuslichen und ehelichen Pflichten wie zuvor, aber die Unterwürfigkeit gegenüber dem sozialen Gefüge mit all seinen Regeln gibt sie durch ihr Verhalten sukzessive auf. Ob dies aus Nicht-Loyalität dem Regime gegenüber geschieht, aus persönlichen Gründen oder einer Kombination aus beiden, das wird nicht ganz klar. Was der Hörer als einzige Begründung für ihr Tun erfährt, ist lediglich, dass Yeong-Hye einen Traum hatte…..

Die Frau beschließt von heute auf morgen, zur Vegetarierin zu werden.
Das, obwohl die fleischlose Ernährungsform in Südkorea als stiller, subtiler Putschversuch im kleinen Rahmen gilt. Aber das interessiert die Normen durchbrechende Frau nicht. Schließlich hat sie diesen Traum, der sie verfolgt. Die einzige Möglichkeit, dieser Qual zu entkommen, ist für Yeong-Hye die Verbannung aller tierischen Produkte aus ihrem Leben. Ein kleiner Schritt, eine persönliche Entscheidung, die jedem selbst überlassen sei, sollte man meinen…..
Weit gefehlt! Die Veränderung der Frau hat sehr unbequeme Folgen für ihren Ehemann. Mit der neuen Ernährungsform hätte er zur Not noch leben können, aber dass dieser revolutionäre Lebenswandel ihm beruflich Steine in den Weg legt, kann er nicht verwinden. Darüber hinaus bleibt es nicht dabei, dass die nun nicht mehr durchschnittliche und fügsame Ehefrau „nur“ zum Vegetarismus übergegangen ist…

Yeong-Hye tat mir sehr leid. Ihre Rebellion schien nicht gegen das koreanische System zu gehen. Viel mehr wirkt sie mir tiefgreifend unzufrieden und unglücklich zu sein. Sie spielt ihre Rolle der fügsamen, mundtoten Ehefrau, macht so lange gute Miene zum bösen Spiel, bis die Verzweiflung sie schon bis in ihre Träume verfolgt. Die Schlüsse, die sie daraus zieht, und die daraus resultierende Veränderung ihres Verhaltens muten wie stumme Hilfeschreie an – die leider niemand versteht, oder niemand verstehen will. Denn Verhaltensweisen, die es nicht geben darf, kann es schließlich auch nicht geben. Yeong-Hyes Familie kümmert sich – allerdings auf eine sehr fragwürdige Weise. Die Frau hat wieder zu gehorchen und Fleisch zu essen, dazu ist jedes Mittel recht, alles andere interessiert nicht! Niemand macht sich die Mühe, zu hinterfragen, warum die verzweifelte Ehefrau so handelt, wie sie es tut. Yeong-Hye zieht sich immer mehr aus ihrer Rolle als Ehefrau, Tochter, Schwester und Tante heraus und flüchtet in ihre eigene Welt. Man mag ahnen, wohin dieser Weg Yeong-Hyes führen könnte, wenn nicht endlich jemand aus der richtigen Motivation heraus eingreift…..

Die Protagonisten wirken trotz ihrer stellenweise puristischen Ausarbeitung – oder vielleicht auch gerade deshalb – sehr intensiv auf mich. Die Aura, die sie alle umgab, war fast sichtbar und zu spüren, vor allem Yeong-Hye und ihre Schwester, deren Rolle im Verlauf des Romans immer größer wird, werden immer greifbarer. Manchmal beschlich mich das Gefühl, ich bräuchte nur den Arm ausstrecken und würde die Hand der Hauptfigur greifen können, um ihr Trost zu spenden und ihr beizustehen. Sympathisch waren mir lediglich die Vegetarierin selbst und später zunehmend auch ihre Schwester, die nach und nach zu begreifen scheint, was in der Schwester vorgeht. Alle anderen Protagonisten glänzen durch ihre blinde Funktionalität und Gleichgültigkeit. Sie lassen jegliches Einfühlungsvermögen und auch nur den kleinsten Ansatz an Empathie vermissen. Selbst als man sich vermeintlich einfühlsam der Frau zuwendet, geschieht dies aus purem Egoismus….

Der Klappentext des Hörbuchs bemerkt, „Die Vegetarierin“ sei „ein seltsam verstörendes, hypnotisierendes Buch.
Dem stimme ich uneingeschränkt zu. Verstörend war für mich jedoch nicht das, was Yeong-Hye tat, sondern die Art und Weise, wie ihr unmittelbares Umfeld damit umging. Denn wenn die Würde eines Menschen missachtet wird, ist das sehr verstörend und entsetzend.
Hypnotisierend sind der Stil, die sprachliche Umsetzung, die inhaltlich Füllung der grauen Geschichte, aus der trotz einiger bunter Farbtupfer nicht eine fröhliche, prächtige Blumenwiese des Lebens heranwachsen konnte. Der Erzählton und Inhalt sind sehr facettenreich, schwanken zwischen nüchtern, lebendig, ästhetisch (und nicht ganz jugendfrei), plakativ, oberflächlich und tiefgreifend, dramatisch und deprimierend. Eine Mischung, so vielfältig und abstrakt wie das Leben selbst – und einem offenen Ende, das die Hörer zum weiteren Nachdenken und Sinnieren einlädt.

Sehr gut haben dir drei Sprecher Rike Schmid, Thomas Loibl und Devid Striesow sich in ihre jeweilige Erzählperspektive hineinversetzt und tragen die vielfältigen Stimmungen überzeugend an die Hörer heran. So wurden die Charaktere glaubhaft und lebendig und verliehen dem Roman einen authentischen Mantel.

„Die Vegetarierin“ ist für mich schon jetzt eines der Hörbuch-Highlights des Jahres!

Inhalt
Yeong-Hye und ihr Ehemann sind ganz gewöhnliche Leute. Er geht beflissen seinem Bürojob nach und hegt keinerlei Ambitionen. Sie ist eine zwar leidenschaftslose, aber pflichtbewusste Hausfrau. Die angenehme Eintönigkeit ihrer Ehe wird jäh gefährdet, als Yeong-Hye beschließt, sich fortan ausschließlich vegetarisch zu ernähren und alle tierischen Produkte aus dem Haushalt entfernt. »Ich hatte einen Traum«, so ihre einzige Erklärung. Ein kleiner Akt der Unabhängigkeit, aber ein fataler, denn in einem Land wie Südkorea, in dem strenge soziale Normen herrschen, gilt der Vegetarismus als subversiv. Doch damit nicht genug. Bald nimmt Yeong-Hyes passive Rebellion immer groteskere Ausmaße an. Sie, die niemals gerne einen BH getragen hat, fängt an, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen und von einem Leben als Pflanze zu träumen. Bis sich ihre gesamte Familie gegen sie wendet.

Autorin
Han Kang wurde in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Dichterin, ihr erster Roman erschien 1994. Für ihr literarisches Schreiben wurde sie mit dem Yi- Sang-Literaturpreis, den Today’s Young Artist Award und dem Manhae Literaturpreis ausgezeichnet. Derzeit lehrt sie kreatives Schreiben am Kulturinstitut Seoul.

Sprecher
Rike Schmid liest mit ihrer selbsbewussten Stimme Hörbücher und dreht international Filme.
Thomas Loibl, geboren 1969, absolvierte seine Ausbildung an der Schauspielschule Bochum und ist seit 2001 Ensemblemitglied am Bayerischen Staatsschauspiel.
Devid Striesow, gebürtiger Rügener, wurde auf den Bühnen von Hamburg und Düsseldorf zum umjubelten Theaterschauspieler. Auf der Leinwand glänzte der Grimme-Preisträger in Filmen wie Yella oder So glücklich war ich noch nie. Als Tatort-Kommissar ist er ab 2013 regelmäßiger Gast in vielen deutschen Wohnzimmern.
Quelle: Argon Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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