*+* Melisa Schwermer: „Abgewiesen“ *+*

Im Prolog lernen wir einen Jungen kennen, der in einer Pflegefamilie lebt und dort äußerst schlecht behandelt wird.
Man stellt sich unwillkürlich die bange Frage, wie sich dies auf sein späteres Leben auswirken wird. Verkraftet er alles gut, wird er es verarbeiten können und dann emotional und psychisch ungestört durch das Leben gehen, oder richtet diese Folter der kindlichen Seele irreparable Schäden an?
Und wie werden die „Geschwister“ des Jungen, die ebenfalls in der Familie leben und die Quälereien miterleben, sich entwickeln?

Können solche Erlebnisse spurlos an einem Menschen vorbeigehen, oder lassen sie solche Zwangszuschauer abstumpfen und stören somit ihre empathische Entwicklung?
Dieser zeitlich vorgeschaltete Erzählstrang wird immer wieder in die Hauptgeschichte eingeflochten und lässt den Leser nach und nach immer besser verstehen, warum die aktuellen Verbrechen begangen werden.

In einem der beiden Handlungsfäden, die in der Gegenwart spielen, lernt der Leser das Paar Katinka und Ole kennen. Die beiden führen eine alles andere als einfache Partnerschaft und wollen sich bei einem gemeinsamen kleinen Urlaub noch eine letzte Chance geben. Sie schlagen dabei zwei Fliegen mit einer Klappe, denn in Dänemark lebt Oles Bruder Nicholas , den er schon seit Jahren nicht gesehen hat, und die beiden besuchen ihn – jedoch verläuft die gemeinsame Zeit alles andere als geplant. Als auch noch Nicholas´ Schwester auftaucht, die auf Ole gar nicht gut zu sprechen ist, beginnen die Dinge aus dem Ruder zu laufen.

Als ob das nicht alles schon unerfreulich genug wäre, erleben das Paar und die Geschwister im zweiten gegenwärtigen Handlungsstrang einen wahren Alptraum. Eine verstümmelte Frau wird im Wald gefunden. Wer ist sie? Wo kommt sie her? Warum ist sie dort? Und vor allem, wer hat ihr das angetan? Und aus welcher Motivation?
Und diese Frau ist nicht das einzige Opfer im Thriller….

„Abgewiesen“ fängt spannend an und obwohl zwischendurch über weite Strecken nichts Gravierendes passiert, atmet man unterschwellig eine Leseluft, die zum Schneiden dick ist. Fest eingebrannt sind dieser Junge des Prologs und seine Pflegegeschwister. Automatisch zieht man die Verbindung der Protagonisten aus der Vergangenheit zu den gegenwärtigen Handlungsträgern. Aber handelt es sich wirklich um dieselben Personen, oder hat die Autorin einen netten Holzweg gebaut, dem ich bereitwillig folge? Nach und nach löst sich alles auf. Das Konstrukt der interessant und lange Zeit teils undurchsichtigen Charaktere offenbart sich und der Zusammenhang zu den begangenen Verbrechen wird immer deutlicher. Zum Schluss gibt es dann noch eine rasante, überraschende Wende on top. Alles ist lückenlos und plausibel aufgelöst – und der eine oder andere Leser möglicherweise überrascht!

Neben den undurchschaubaren Charakteren, bei denen ich mich immer wieder fragte, ob sie ein ehrliches Spiel spielten oder eine gut inszenierte Rolle, gefiel mir der Schreibstil sehr gut. Oft ist es ja so, dass der Prolog fast vor Spannung platzt und dann ein langer Durchhänger folgt. Das war hier definitiv nicht der Fall und der gut aufgebaute Spannungsbogen konnte mich fesseln. Durch die häufige private Disharmonie zwischen Ole und Katinka, aber auch zwischen fast allen anderen Hauptcharakteren war der Thriller zusätzlich mit einer eher düsteren, angespannten Stimmung durchzogen, was dem thrillerigen Lesefeeling sehr zuträglich war!

Inhalt
Acht Jahre ist es her, seit Ole Nicholas das letzte Mal gesehen hat. Mit seiner Freundin Katinka begibt er sich auf die Reise nach Dänemark, um ihn zu besuchen. Doch die geplante Familienzusammenführung verläuft anders als erhofft. Von einem idyllischen Urlaub sind sie weit entfernt. Als dann eine verstümmelte Frau in einem verlassenen Bauwagen im Wald gefunden wird, geht Nicholas‘ Schwester einen Schritt zu weit …

Autorin
Melisa Schwermer, geb. 1983 in Offenbach, hat Germanistik und Philosophie in Darmstadt studiert und sich nach ihrem Abschluss als Thrillerautorin einen Namen in der Buchbranche gemacht. Ihr Psychothriller „Abgewiesen“ wurde zum Bestseller und hielt sich wochenlang auf Platz 2 der Kindle-Charts sowie an der Spitze der Kategorie „Krimis und Thriller“. Im August erscheiht ihr nächster Titel „So bitter die Schuld“.

Als Tochter eines Lehrers und einer Heilpädagogin entscheid sich Melisa Schwermer für die Rebellion gegen die Ansichten und Forderungen ihrer Eltern und somit gegen das Abitur. Nach einer Lehre als Industriekauffrau und dem Abitur am Abendgymnasium studierte sie Germanistik und Philosophie. Derzeit promoviert sie in Literaturwissenschaft und arbeitet als Berufsschullehrerin sowie als Universitätsdozentin.
Quelle: amazon

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Melisa Schwermer: „Abgewiesen“ *+*

  1. Liebe Heike,

    das klingt nach einem spannenden und unheimlichen Buch! Danke für den sehr guten Einblick in die Geschichte, ich werde es mir merken. 🙂

    Liebe Grüße
    Nicole

    • irveliest schreibt:

      Liebe Nicole,
      sehr gerne! Toll von ihr ist auch „So bitter die Schuld“, das ist der erste Teil der Fabian Prior Reihe.
      Liebe Grüße, Heike 🙂

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