*+* Julia Zange: „Realitätsgewitter“ *+*

.realitaetsgewitterMarlas Leben ist ein einziges Realitätsgewitter. Wenig Sex, viel iPhone. Viel Bewegung, wenig Sicherheit. Sehr globalisiert, aber immer noch ganz schön deutsch. Marla funktioniert perfekt. Sie hat immer die richtige Maske auf. Doch plötzlich bekommt ihr hochglänzender Panzer kleine Brüche. Plötzlich ist da eine schwere Traurigkeit, die langsam von ihrem Bauch nach oben spült. Um nicht zu ertrinken, macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Heimatdorf. Und landet schließlich auf Sylt. Eine Reise ins Erwachsenwerden und zu sich selbst. (Quelle: Aufbau Verlag)

Man ahnt es schon, leichte Kost wird dieses Buch nicht sein. Und obwohl ich innerlich gewappnet war – zumindest glaubte ich das – waren die ersten Seiten wie ein Kulturschock, ein Absturz in tiefe, dunkle, verborgene Welten nahe am Abgrund. Ist das „junge Berlin“ wirklich so? Drogen, Sex, Orientierungslosigkeit?

Gemeinsam einsam, die innere Kälte ist spürbar und der Wunsch nach Nähe wird mit jeder sich bietenden Gelegenheit zu erfüllen versucht. Erfolglos, was Marla mit jedem Mal in ihrer Teufelsspirale ein Stück weiter nach unten beförderte. Die Folgen waren dementsprechend, mehr möchte ich dazu gar nicht sagen.

Abgestoßen, aber dennoch mitleidig fasziniert von der Protagonistin verfolgte ich weiterhin ihr Schicksal, hoffend, dass wir hier nur der shocking Kreativität einer Autorin ausgesetzt sind. Je weiter ich im Buch vorankam, umso mehr begriff ich, dass hier nicht die Phantasie der Vater des Gedanken war, sondern die Realität selbst die Verantwortung für die Worte der Autorin trug. Seien es nun ihre eigenen autobiographischen Schilderungen, oder die eines anderen Menschen – das tut eigentlich nichts zur Sache. Denn so, wie das Buch verfasst ist, so wie die Figuren ihre Rollen spielen, ist schnell klar: Marla ist anonym in der großen Masse, sie scheint austauschbar, sowohl in ihrem Beziehungsgeflecht, das oberflächlicher fast nicht sein könnte, als auch vom Schicksal her. Denn dieses teilen offenbar viele mit ihr und zumindest diejenigen, die wir im Roman kennenlernen, wählen denselben erfolglosen Weg. Sie wollen doch nur Liebe, Anerkennung, etwas Wärme und Persönlichkeit, und gehen dabei in den meisten Fällen sang- und klanglos unter.

„Wenn man ein gutes Mädchen ist,
lernt man irgendwann, sich auszuschalten.“

Marla jedoch wagt den Quantensprung in ein mögliches, individuelles Leben. Sie macht ihre persönliche Wurzel des Übels aus und versucht, sich davon loszusagen. Dass dieser Weg weder ein leichter noch ein schneller ist, leuchtet ein.

Ich gebe zu, ich tat mich lange Zeit sehr schwer, „meinen“ Sinn des Buches zu erfassen, eine für mich greifbare Aussage und Intention zu finden. Zum Schluss hin, als Marla sich zu ändern beginnt und ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt, sah ich, was mir der Roman zeigen wollte. Eine sehr eigenwillige, gewöhnungsbedürftige Erzählung übt versteckte und offene Kritik an Marlas gesellschaftlichen Berührungspunkten. Sowohl die erste soziale Station, das Elternhaus, als auch andere Menschen in ihrer Gleichgültigkeit und Fokussiertheit auf sich selbst, so genannte Freunde, die Schnelllebigkeit der heutigen Zeit, die im Schlepptau Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit mit sich zieht und noch vieles, vieles mehr, all das bezieht eine ordentliche literarische Tracht Prügel von der Autorin. Die Darstellung der Charaktere und die Wahl der sprachlichen Mittel unterstreichen dies für mich sehr eindrucksvoll.

Wer sich von einer intensiven, ungeschönten, teils abgewrackten Erzählmelodie einer gefühlt völlig anderen Welt nicht abschrecken lässt, dem wird es möglicherweise wie mir gehen…
Zuerst habe ich mich mit dem Gedanken getragen, das Buch abzubrechen. Aber ich spürte, dass da noch mehr kommen würde….und so war es auch. Zum Schluss konnte ich den Roman nicht mehr aus der Hand legen und war in einer Art Hassliebe, gepaart mit Faszination und Abscheu, aber auch Mitleid und Hoffnung, den Worten Julia Zanges völlig ausgeliefert.

Inhalt
Marlas Leben ist ein einziges Realitätsgewitter. Wenig Sex, viel iPhone. Viel Bewegung, wenig Sicherheit. Sehr globalisiert, aber immer noch ganz schön deutsch. Marla funktioniert perfekt. Sie hat immer die richtige Maske auf. Doch plötzlich bekommt ihr hochglänzender Panzer kleine Brüche. Plötzlich ist da eine schwere Traurigkeit, die langsam von ihrem Bauch nach oben spült. Um nicht zu ertrinken, macht sie sich auf den Weg zurück in ihr Heimatdorf. Und landet schließlich auf Sylt. Eine Reise ins Erwachsenwerden und zu sich selbst.

Autorin
Julia Zange, geboren 1983, lebt und arbeitet seit 2006 in Berlin. 2005 gewann sie den Literaturwettbewerb Open-Mike, 2008 veröffentlichte sie ihren ersten Roman mit dem Titel Die Anstalt der besseren Mädchen. Sie ist Teil der Web-Serie Translantics. Sie arbeitet als Redakteurin bei L’Officiel und schreibt regelmäßig für Zeit Online und Fräulein. In Philip Grönings Film Mein Bruder Robert, der 2017 Kino-Premiere feiert, hat sie als Hauptdarstellerin debütiert. Außerdem organisiert sie regelmäßig die Veranstaltungsreihe Dead Poets Society im Soho House Berlin.
Quelle: Aufbau Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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Eine Antwort zu *+* Julia Zange: „Realitätsgewitter“ *+*

  1. monerl schreibt:

    Sehr schöne und gelungene Rezension, vor allem, wenn man weiß, wie schwer du dir zeitweise mit dem Buch getan hast!
    GlG vom monerl

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