*+* Noah Hawley: „Vor dem Fall“ *+*

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Ein Flugzeug stürzt ab. Die kleine Privatmaschine eines Medienmoguls versinkt – zerborsten in unzählige Einzelteile – einige Kilometer vor der rettenden Küste und reißt die Besatzung und einen Großteil der Passagiere in den Tod. Lediglich Scott, ein erfolgloser Maler, und JJ, der Sohn des Flugzeug-Besitzers, finden sich lebend im Ozean wieder. Scott wächst über sich hinaus und schwimmt mit dem kleinen Jungen auf seinem Rücken an Land. Zunächst wird er als Held gefeiert, aber in die allgemeine Begeisterung mischen sich auch kritische Töne. Denn der Maler, der finanziell nicht gerade auf Rosen gebettet ist, passte so gar nicht zu den übrigen, viel privilegierteren Passagieren. Aber nicht nur Scotts Figur wird immer wieder etwas nebulös und fragwürdig dargestellt. Einige der anderen Reisenden scheinen Flecken auf der weißen Weste gehabt zu haben.

Scott, der Maler, bildet in diesem Roman den roten Faden, der mich durch die Geschichte führt. Zu Beginn des Buches erfährt der Leser von einem prägenden Erlebnis des Mannes, das indirekt zur Rettung des kleinen Jungens JJ führt. Ebenso vom Tag des Unglücks, als auch von der Zeit danach erzählt der Autor. Von Heldentum, Neid, Hass, Misstrauen, Missachtung der Privatspäre, Intrigen, Manipulation und der puren Sensationsgier, aber auch auch von gesundem Menschenverstand und Nächstenliebe.

Außer Scott lernt der Leser rückblickend auch die weiteren Passagiere kennen, denn Noah Fawley zommt sie alle nach und nach heran und erzählt, was bei jedem von ihnen „Vor dem Fall“ geschehen ist. Da sie alle aus unterschiedlichen Lebens- und Berufsbereichen stammten, wirft der Autor ein buntes Potpourri auf die Leinwand des Buches und widmet sich jedem der beschriebenen Protagonisten auf eine ganz spezielle Art und Weise. Stil und Wortwahl sind exakt auf den Charakter der Figuren zugeschnitten und so erlebt man eine abwechslungsreiche Achterbahnfahrt zwischen primitiven und abstoßenden Szenen (für meinen Geschmack) und fast schon poetischen, philosophischen Passagen.

Durch die facettenreiche Schilderung entsteht ein fast minutiöser Bericht des Unglücks, denn nicht nur den Protagonisten wird viel Raum gegeben, auch nimmt der Leser an den Ermittlungen teil und ist immer auf dem aktuellen Stand. Nach und nach ergibt sich somit ein vollständiges Bild des Absturzes und seinen Hintergründen. Bis man dort ist, braucht man jedoch einen langen Atem, viel Geduld und auch ein gutes Maß an Konzentration. Denn die vielen Sprünge zwischen den Charakteren, die verschiedenen Erzählrichtungen – vorwärts, was Scott und JJ, rückwärts, was die übrigen Passagiere betrifft -, dazu die wechselnden Erzählstile haben für mein Empfinden keinen harmonischen Lesestoff geschaffen, sondern brachten mich immer wieder aus dem Tritt und waren meinem Interesse am Lesestoff nicht gerade zuträglich.

Zu Beginn hatte ich lebhafte Theorien, was passiert sein könnte – einige der Protagonisten gaben schon gute Gründe, insgeheim zu spekulieren -, aber je weiter ich im Buch las, umso mehr löste sich die Spannung auf, meine gedanklichen Interaktionen flachten parallel dazu immer mehr ab und mein Interesse galt recht schnell nur noch dem Verbleib von Scott und JJ.

Bei dem ungewöhnlichen Aufbau des Romans und den wirklich guten Möglichkeiten, die sich der Autor im Verlauf der Geschichte geschaffen hatte, hätte ich einen ebenso ungewöhnlichen Schluss erwartet. Aber auch hier wirkt offenbar das „Spiel der Gegensätze“, das sich durch das ganze Buch zieht. Denn das Ende wirkt wie plötzlich vom Himmel gefallen, eine völlig unerwartete Wende, die zwar nachvollziehbar, aber nicht wirklich überzeugend ist und möglicherweise einen faden Nachgeschmack hinterlässt.

Inhalt
An einem nebligen Abend startet ein Privatjet zu einem Flug nach New York. Wenige Minuten später stürzt er in den Atlantik. Nur der Maler Scott Burroughs und der vierjährige JJ überleben inmitten der brennenden Trümmer. Und Scott gelingt das Unmögliche: Er schafft es, den Jungen an das weit entfernte Ufer zu retten. Während die Suchtrupps fieberhaft nach den Leichen und der Blackbox fahnden, greifen immer abstrusere Verschwörungstheorien um sich. Scott versucht verzweifelt, sich den Medien zu entziehen – und gerät dabei in eine Welt der Intrigen und Manipulationen, in der niemand vor dem brutalen Fall ins Nichts geschützt ist.

Autor
Noah Hawley wurde 1967 in New York geboren. Er ist Autor, Drehbuchschreiber und Produzent, und wurde für seine Arbeit bereits mit dem Emmy und dem Golden Globe ausgezeichnet. Unter anderem schrieb und produzierte er die erfolgreiche Serie „Bones – Die Knochenjägerin“ und die TV-Adaption des Spielfilms „Fargo“ der Coen-Brüder. Hawley lebt mit seiner Familie in Los Angeles und Austin, Texas.
Quelle: Randomhouse

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Noah Hawley: „Vor dem Fall“ *+*

  1. Kathrin schreibt:

    Danke für deine detaillierten Leseeindrücke! Seit Wochen überlege ich, ob ich mir das Hörbuch holen soll. Aber nachdem, was du hier schreibst, werde ich das wohl nicht tun – allein schon die vielen Zeit- und Perspektivwechsel könnten beim Hören Probleme bereiten.

    Schade, dass das Buch dir keine tollen Lesestunden bereitet hat – der Klappentext klang so gut… Ich verlasse mich jetzt auf deine Eindrücke und nutze das Hörbuchguthaben für einen der vielen anderen Titel auf der Merkliste.

    • irveliest schreibt:

      Hallo Kathrin,
      es ist halt immer Geschmackssache…aber mir sagte der Rücken- bzw. Klappentext auch mehr zu als letztendlich das Buch 😉
      Liebe Grüße, Heike

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