*+* Tess Gerritsen: „Totenlied“ (Hörbuch) *+*

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hoerbuch-totenlied
Julia ist eine bekannte und erfolgreiche Violinistin, die manchmal auch im Ausland spielt. Sie bringt von jeder ihrer Arbeitsreisen ein kleines Geschenk für ihre Tochter Lilli mit. Bei ihrem letzten Italien-Besuch stößt Julia bei der Geschenkestöberei auf ein altes Notenbuch, das sie unbedingt haben muss. Sie kauft es – und bereut es alsbald….

Jedes Mal, wenn sie dieses Stück spielt, reißt die verstörte Lilli sie aus einer Art Trance, der Julia immer wieder bei diesen alten Noten verfällt und nicht nur das. Es geschehen auch befremdliche, gefährliche Dinge. Die Violinistin ist sich sicher, dass dies mit der alten italienischen Musik zusammenhängen muss. Sie stößt jedoch in ihrem Umfeld auf wenig Gegenliebe für diese Idee, beschließt, eigene Forschungen zu betreiben und reist auf eigene Faust nach Italien.

Ich war während des Hörens hin- und hergerissen. Konnte wirklich ein Musikstück ein dreijähriges Kind so sehr verstören, dass es deshalb mehrere Verbrechen begeht? Einerseits klangen Julias Schilderungen plausibel, andererseits war sie während des Spielens so versunken in das Stück und erschien fast schon weggetreten, dass auch wer weiß was sonst diese Dinge hätte geschehen lassen können. Ins Grübeln brachte mich das Umfeld der Frau: Ihr Mann, ihre Freundin, aber auch die untersuchenden Ärzte – denn Julia hat darauf bestanden, Lilli äußerst umfangreich durchchecken zu lassen. Die Reaktionen all dieser Menschen auf die Schilderungen und daraus resultierenden Ängste Julias erscheinen mir aus deren Sicht jedoch sehr fadenscheinig und wirkten fast so, als ob sie Julia nicht ernst nehmen und ihr den Schwarzen Peter zuschieben wollen.

Aufgewühlt macht sich die enttäuschte Frau nun also auf nach Italien. Ich begleite sie äußerst gespannt und was sie dort erlebt, machte ich staunen. Denn womit Julia konfrontiert wird, geht auf keine Kuhhaut! Die Auflösung des Zusammenhangs zwischen den italienischen Noten und den verstörenden Dingen, die jedes Mal bei deren Spielen passiert sind, wird ebenso aufgeklärt wie ein lange gehütetes Geheimnis, das auch mit dem alten Musikstück zu tun hat, aber auf eine ganz andere Weise.

Darauf hin arbeitet die Autorin mit einem zweiten Erzählstrang, den sie parallel zu Julias Erlebnissen erzählt. Wir werden behutsam in die Geschichte des Notenschreibers des ominösen Musikstücks eingeführt. Erleben, wie er als junger Mann seine große Liebe findet und durch die Macht des Nationalsozialismus in Italien alles verliert. Diese Passagen der Vergangenheit habe ich zum Teil als sehr bedrückend empfunden – denn sie sind leider wahr und haben sich wie so viele schreckliche Dinge im Zweiten Weltkrieg wirklich so perfide und brutal abgespielt. Die Autorin würdigt das damalige Schicksal der unzähligen Menschen, indem sie die unbequemen Vorkommnisse nicht im Schnelldurchgang durchläuft, sondern sie mit einer akribischen Geduld und Genauigkeit schildert. Diese Passagen gehen noch weit mehr an Gemüt und Nerven als die Thrillerelemente des Buches.

Die beiden Zeitstränge eint in ihrer großen Unterschiedlichkeit die interessante, fesselnde Umsetzung und Darstellung. Tess Gerritsen hat einen Thriller geschaffen, der mich thematisch sehr ansprach – vom Inhalt aber auch von dessen sprachlicher Umsetzung.
Den Staffelstab perfekt überreicht hat die Autorin dann an die Sprecherin Mechthild Großmann, die es schafft, dem Ganzen einen noch geheimnisvolleren Touch zu geben. Sie schafft es in ihrer besonnenen Art sehr gut, die Situationen zu interpretieren, die Stimmungen der Protagonisten einzufangen und gefühlvoll an den Hörer heranzutragen.

„Totenlied“ bescherte mir einige Stunden interessanter Spannung und gut umgesetzter historischer Dokumentation. Der Thriller erfreute mich zudem mit seinem reichhaltigen Inhalt und einigen raffinierten Verstrickungen, denen ich ebenso wie Julia ausgesetzt war. Die „doppelte“ Aufösung zum Schluss hin, mit der so nicht unbedingt zu rechnen war, rundete die beiden thematischen Sränge gut ab. Obwohl es sich um eine gekürzte Hörbuch-Fassung handelt, hatte ich an keiner Stelle das Gefühl, dass mir inhaltlich etwas fehlte.

Inhalt
Von einer Italienreise bringt die Violinistin Julia Ansdell ein altes Notenbuch mit nach Hause. Es enthält eine bislang völlig unbekannte Walzerkomposition. Julia ist fasziniert von dem Stück, doch jedes Mal, wenn sie es spielt, geschehen merkwürdige Dinge. Etwas Bösartiges geht von dem Walzer aus, etwas, das das Wesen von Julias dreijähriger Tochter auf beunruhigende Weise zu verändern scheint. Weil niemand ihr glaubt, reist Julia heimlich nach Italien, um nach der Herkunft der mysteriösen Komposition zu forschen …

Inklusive Incendio, der Melodie aus dem Roman, komponiert von Tess Gerritsen.

Autorin
So gekonnt wie Tess Gerritsen vereint niemand erzählerische Raffinesse mit medizinischer Detailgenauigkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit der Figuren. Bevor sie mit dem Schreiben begann, war die Autorin selbst erfolgreiche Ärztin. Der internationale Durchbruch gelang ihr mit dem Thriller »Die Chirurgin«, in dem Detective Jane Rizzoli erstmals ermittelt. Tess Gerritsen lebt mit ihrer Familie in Maine.

Sprecherin
Mechthild Großmann drehte mit Fassbinder, arbeitete viele Jahre lang am Theater mit Pina Bausch und spielte in zahlreichen TV-Filmen. Seit 2002 begeistert sie mit ihrer unverkennbaren Stimme als Staatsanwältin im Münsteraner Tatort. Totenlied ist ihr achtes Tess-Gerritsen-Hörbuch für Random House Audio.
Quelle: Randomhouse Audio

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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