*+* Caroline Eriksson: „Die Vermissten“ (Hörbuch) *+*

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Greta, Alex und Smilla wirken wie eine kleine, glückliche Familie, als sie sich zu ihrem Bootsausflug zur Insel inmitten des Sees aufmachen, an dem ihr Ferienhaus liegt. Doch als Alex und Smilla nicht von ihrer Erkundungs-Tour zurückkommen und Greta später tatenlos alleine zum Urlaubsdomizil zurückrudert, ahnt man: Da stimmt etwas nicht….

Konnte ich die Frau zunächst überhaupt nicht verstehen, ihre Handlungen bzw. Nicht-Handlungen nicht nachvollziehen, wurde Greta mir nach und nach etwas greifbarer und vertrauter. Ich tauchte gemeinsam mit ihr in ihre Gedankengänge ein, ihre stillen Monologe, in denen sie zu erfassen versucht, was und warum es passiert ist. Was da an Wissen, Emotionen und Überraschungen auf mich einprasselt, ist enorm – und ganz anders, als ich erwartet hätte. Greta reflektiert rückblickend den letzten Tag, seziert aber auch die Vorkommnisse seit dem Verschwinden von Alex und Tochter Smilla, überdenkt ihre Begegnung mit den abstoßenden, gewaltbereiten Jugendlichen des Ferienortes, die sie in ihrer Gedankenspirale wiederum in ihre eigene Kindheit und Jugend katapultieren. Schnell begreife ich, dass die beiden Vermissten so manche Leiche aus dem Keller, aus Gretas urlange peinlichst verschlossenem Inneren, zu Tage fördern werden.

Ich tauche aber nicht nur tief in Gretas Seele ein, auch andere Figuren kommen zum Zug. Figuren, denen ich lange Zeit keine Rolle zugebilligt habe. Aber durch die Psychomassage der verwaisten Frau, die so manchen Abgrund der menschlichen Seele offenbart – nicht nur ihrer eigenen – wird begreifbar, welch weiten Kreise eine Begebenheit nach sich ziehen kann, wie eng miteinander verzahnt Menschen und Ereignisse manchmal sind, denen man es weder auf den ersten, noch auf den zweiten Blick ansieht.

Getrieben von der Frage, was Alex und Smilla zugestoßen ist, ob und was Greta möglicherweise damit zu tun hat, oder ob noch ein unbekannter Dritter auftaucht, der die Geschehnisse erklärbar macht, flog ich geradezu durch das Hörbuch. Ließ es gerne zu, mich von der Frau, die „ein kompliziertes Verhältnis zur Wahrheit hat“, in die Tiefen ihrer Seele mitzureißen, was mich ihr Nicht-Handeln nach dem Verschwinden von Mann und Tochter begreifen machte. Als für Greta schließlich völlig unerwartet einige Puzzle-Teile an die richtige Stelle ihrer Gefühlswelt fallen, weiß sie endlich, was sie zu tun hat…

„Eine gute Mutter richtet sich nicht nach den Umständen. Sie gestaltet die Umstände selbst.“

Der Schreibstil dieses Thrillers ist sehr eigen. Es gibt kaum Gespräche, fast die gesamte Geschichte ist ein endlos scheinender gedanklicher Monolog Gretas, in dem sie immer wieder von Vergangenheit zu Gegenwart springt und versucht, sich selbst zu finden. Sie streift dabei einige Personen, umkreist sie zunächst nur, traut sich aber immer mehr, sich zunehmend mit ihnen wie auch mit sich selbst zu befassen und der Wahrheit ins Gesicht zu sehen und sich ihr zu stellen. Das große Finale bringt dann den unvermeidlichen großen Knall hervor, der allerdings ganz anders ertönt, als man zuvor lange gedacht haben mochte.

Nicht nur der Erzählstil übte einen großen Reiz auf mich aus, auch die Charaktere taten es. Die Autorin hat es geschafft, aus einer einfachen Ausgangssituation eine großartige Psycho-Story zu zaubern, was sehr gut mit ihrrer Konstruktion der relevanten Figuren funktionierte. Sie waren durchweg glitschig wie ein nasser, zappelnder Fisch, ließen sich nicht greifen, sie wanden sich immer wieder aus meinen Händen. Wenn ich dachte, ich wüsste, wie sie ticken, warteten sie mit einer neuen Überraschung, einer neuen Seelentiefe auf – ihrer eigenen oder der eines anderen Involvierten. Zum Schluss hin lagen sie aber ruhig in meiner Hand und ich war auch vom Finale des Hörbuchs ganz angetan.

Auch die Sprecherinnen haben die Geschichte sehr gut interpretiert. Wenn ich jetzt verrate, welche der Damen welche Figur interpretiert hat, nehme ich möglicherweise einen Teil der Spannung und des Überraschungs-Effekts vorweg, was ja nicht sein sollte. Daher beschränke ich mich darauf zu sagen: Die Spzaiergänge in die Tiefen der Seele wurden akustisch gut unterstrichen und haben sehr zu meiner Begeisterung für diesen Thriller beigetragen – einen Psychothriller, der seine Bezeichnung zu recht trägt!

Hier findet ihr weitere Meinungen zu „Die Vermissten“:
In Sabines Niliversum
Bei Haukes Leseschatz

Inhalt
Das grünschwarze Wasser leuchtet geheimnisvoll in der untergehenden Sommersonne. Der Abend könnte nicht schöner sein, als Greta, Alex und Tochter Smilla mit dem Boot zur kleinen Insel in der Mitte des Sees fahren. Greta bleibt am Ufer, während die anderen beiden neugierig auf Entdeckungstour gehen. Aber sie kommen nicht mehr zurück. Beunruhigt macht sich Greta auf die Suche – doch von Alex und Smilla fehlt jede Spur … In ihrer wachsenden Verzweiflung wendet sie sich an die Polizei. Schnell wird klar, dass Gretas eigene Geschichte ebenso große Rätsel aufwirft wie das Verschwinden ihrer Lieben. Und die Frage: Hat sie etwas damit zu tun?

Autorin
Caroline Eriksson, 1976 geboren, hat Sozialpsychologie studiert und als Personalberaterin gearbeitet. Der Thriller „Die Vermissten“ hat ihr den internationalen Durchbruch eingebracht. Er erscheint weltweit in über 25 Ländern und wurde in Schweden zum Überraschungsbestseller des Jahres. Caroline Eriksson lebt mit ihrer Familie in Stockholm.

Sprecherinnen
Jessica Schwarz, geboren 1977, gab ihr Filmdebüt 2001 in „Nichts bereuen“ an der Seite von Daniel Brühl. Es folgten zahlreiche Kino- und TV-Rollen, für die sie u.a. mit dem Grimme-Preis, dem Hessischen und Bayrischen Filmpreis und Bambi ausgezeichnet wurde. Aktuell abgedreht sind z.B. an der Seite von Florian David Fitz „Jesus liebt mich“ und der große Weihnachts-TV-Dreiteiler „Baron Münchhausen“.
Gabriele Blum, 1954 geboren, absolvierte ihre Schauspiel- und Regieausbildung am Mozarteum Salzburg. Sie ist Mitbegründerin der Bremer Shakespeare Company sowie des Theater aus Bremen/TAB. Als Schauspielerin, Regisseurin und Autorin hat sie an zahlreichen Theaterinszenierungen mitgewirkt. Neben ihrer Arbeit am Theater ist sie auch als Hörbuchsprecherin, TV-Coach und Dozentin für Schauspiel tätig.
Quelle: Der Hörverlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Caroline Eriksson: „Die Vermissten“ (Hörbuch) *+*

  1. nilibine70 schreibt:

    Oh, Du hast meine Gedanken dazu auch verlinkt! Danke sehr!
    Ich freue mich, dass auch Du so gepackt wurdest! Und mir gefällt ganz extrem der Begriff Psychomassage 🙂 Stimmt!

  2. Hauke schreibt:

    Moin und vielen Dank für die nette Verlinkung zum Leseschatz.
    Herzliche Grüße, Hauke

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