*+* Alessandro Baricco: „Oceano mare“ *+*

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Oceano mare
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In der Pension Almayer, die wirkt, als sei sie aus der Welt gefallen, treffen ebensolche Figuren aufeinander. Gäste und auch Personal wirken äußerst surreal. Sie scheinen wie Planeten – teils mit begleitendem Trabanten – die Sonne ihrer konstruierten Welt am Meer zu umkreisen. In ihrem Universum bewegen sie sich bekannt ellipsenförmig um das Zentralgestirn. Manchmal nähern sich ihre Bahnen dabei an, um nur etwas später wieder weit voneinander wegzudriften. Es gibt aber auch Himmelskörper, die mittels eines verqueren Erzählstranges, der wie ein Meteoritenhagel durch dieses Universum zieht, in Gefahr geraten. Kollisionen sind nicht auszuschließen….

„Sie sind sympathisch. Wenn Sie abreisen, sind Sie vielleicht ein bisschen weniger dumm.“

Die Bewohner – Personal und Gäste – der Pension finden auf verschiedene Weise und durch unterschiedlichste Motivationen ihren Weg zu der Pension am Meer. Die Bewohner einen ihre Lebenskrisen und der verstellte Blick auf das weitere Leben. Die Bediensteten umgibt hingegen ein ganz besonderes Flair, ein unheimliches Wissen, das mehr als bloße Ahnungen vermuten lässt.

„Die Natur weist eine erstaunliche Vollkommenheit auf, und das ist die Folge einer Summe von Grenzen. Die Natur ist vollkommen, weil sie nicht unendlich ist.“

Dieses bariccosche Konstrukt scheint seinen eigenen Gesetzen zu folgen. Die Naturgegebenheiten unseres bekannten Systems wirken überwiegend aufgehoben. Der Autor hat sich somit einen idealen Nährboden für seinen außergewöhnlich „aus der Welt fallenden“ Erzählstil geschaffen. Grenzen sind da, um sie literarisch zu überspringen oder zu umschiffen. Kennzeichen bestimmter Lebensformen, Naturgegebenheiten, Handlungslogiken sind da, um sie neu zu definieren. Herausgekommen ist einmal mehr ein bezaubernder Roman, dessen Intention nicht auf dem Präsentierteller serviert wird. Man muss sich schon die Mühe machen, die wahnsinnig vielschichtigen Charaktere zu durchleuchten und zu verstehen – was mir zugegebenermaßen nicht immer gelang. Die Vielzahl der Figuren, ihre Einzigartigkeiten in jedweder Hinsicht verströmen baricco-like viel Raum für eigene Gedanken und Erkenntnisse.

„Denn es ist nicht so, dass das Leben so verläuft, wie du es dir vorstellst. Es geht seinen Weg. Und du deinen. Und das ist nicht derselbe.“

Sprachlich variabel von zynisch exakt über kurz und knapp bis hin zu intensiv verschachtelt, von grausam-verstörend bis hin zu verzaubernd, mal poetisch, mal knallhart, verziert mit amüsanten Passagen, so lässt sich das Universum „Oceano mare“ beschreiben. Auch an zahlreichen Absurditäten fehlt es nicht. Dreh- und Angelpunkt ist – wie kann es bei diesem Titel anders sein – das Meer. Jedem der Protagonisten bedeutet es etwas anderes, jedem weist es einen anderen Weg zu sich selbst. So ist es nicht verwunderlich, dass sich kein reproduzierbares Bild des Meeres schaffen lässt. So wie jedes Lebewesen ist auch jede einzige Welle ein uniquer Bestandteil des großen Ganzen.

Wer nun den Wunsch hegt, dieses genial andere Universum zu besuchen, sollte vor dem Einstieg in die Raumfähre bedenken, dass der Start etwas beschwerlich sein könnte. Man muss sich auf die ganz spezielle Art Bariccos einlassen können, sonst zündet die Rakete nicht und man bleibt am Boden – in unserer gewöhnlichen Welt – und wird das phantasievoll-tiefgründiges Reiseziel nicht ergründen können. Mit dem Verstand lässt sich ohnehin nicht alles erfassen.
Für mich bedeutet Barricco lesen einmal mehr „Lesen ist Gefühl“.

Inhalt
Gestrandet in einer abgelegenen Pension am Meer treffen Menschen zusammen, die vom Leben gezeichnet sind und unterschiedlicher nicht sein könnten: Ein einsamer Maler, der das Meer mit Meerwasser malt, ein seltsamer Wissenschaftler, der die Wellen erforscht, um die Grenzen des Ozeans festzulegen, ein junges Mädchen, das an einer seltsamen Krankheit leidet. Über philosophisch anregende Gespräche versuchen sie, ihre jeweiligen Sehnsüchte – nach Liebe, Erkenntnis oder gar Vollkommenheit – zu stillen.
Jenseits jeglicher zeitlichen oder räumlichen Einordnung erzählt dieses poetische Märchen von den vielen Facetten des Lebens, die von unendlicher Liebe und Angst bis hin zu Hoffnungslosigkeit und sogar Hass reichen.

Autor
Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. 1994 gründete Baricco zusammen mit Freunden eine Privatuniversität, an der er Kreatives Schreiben unterrichtet. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst. Sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Er wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Roman Mr. Gwyn (2015).
Quelle: Hoffmann und Campe Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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