*+* David Mitchell: „Die Knochenuhren“ *+*

Die Knochenuhren
In diesem Roman begleiten wir Holly Sykes über einen Großteil ihres Lebens.
Der Autor beginnt 1984 mit dem ersten Liebeskummer des rebellischen Mädchens. Ihr Freund meint es offenbar nicht so ernst wie sie selbst, Hollys Familie reagiert nicht so fürsorglich wie von der Teenagerin erhofft. So beschließt sie, alle Brücken abzubrechen und sich in ihr ureigenes Leben zu stürzen, ohne Bevormundung, ohne Reingerede….und stellt fest, wie schwer das ist. In einer äußerst mutlosen Situation trifft sie auf eine alte Frau, der Holly im Austausch gegen etwas – nennen wir es Lebenssaft – ihre Seele verkauft. Denn Holly nimmt die Alte nicht ernst und begreift gar nicht, auf welchen Handel sie sich da einlässt. Der Leser übrigens auch nicht.
Mitchell beschreibt in seinem Buch eigentlich zwei – sagen wir mal – Parallelwelten, die sich in mancherlei Kreaturen kreuzen. Dabei beschränkt er sich über sehr lange Zeit auf vage Andeutungen, kurze surreale Szenen, um anschließend wieder vollends in die Realität abzudriften.

Er berichtet zwar chronologisch, aber nicht gleichmäßig dem Zeitverlauf entsprechend, sondern macht immer wieder Sprünge bis hinein in das Jahr 2043. Dabei bildet Holly Sykes, die mal mehr, mal weniger relevant für die Ereignisse ist, den roten Faden.
Der Leser lernt viele weitere Charaktere kennen, die zum Schluss hin eine Rolle spielen, wenn des Autors Schreibfeder endlich die uralten Machenschaften, Kämpfe und Machtgefüge in der lange Zeit nur angedeuteten Parallelwelt einfängt und dem Leser die Auflösung für seine sehr komplexe Geschichte wie einen roten Teppich ausrollt.

In „Die Knochenuhren“ bemüht Mitchell viele Charaktere, denen er sich sehr ausschweifend widmet. Sie erscheinen zunächst ebenso wie ihr Beziehungsgeflecht untereinander jedoch eher oberflächlich und man mag sich fragen, warum genau diese Handlungen und Begebenheiten so dermaßen ausführlich und in die Länge gezogen beschrieben werden. Denn wirklich passieren tut nur sehr wenig und die Geschichte wirkt ziemlich verworren und – mit Verlaub – ohne viel Sinn und Botschaft. Bis der Autor endlich den Sprung in die Parallelwelt schafft, weiß man nicht unbedingt, worauf der Roman hinauslaufen soll. Dadurch las sich das Buch für mich zunächst sehr zäh. Zum Schluss hin fallen dann aber endlich alle Puzzleteile auf ihren Platz.

War der Großteil des Buches, der überwiegend in der Realität spielt, recht unaufregend und brachte mich und meine Lesegeduld an ihre Grenzen, ist der Part in der geheimen Welt sehr interessant, kurzweilig und temporeich gelungen. Der Showdown brachte bei mir tatsächlich noch Spannung herbei, konnte aber schlussendlich nicht das bisherige kaum fesselnde Lesefeeling ausgleichen.

„Die Knochenuhren“ ist eine überwiegend im gemütlichen Tempo erzählte ausschweifende Geschichte mit eingestreuten mystischen, kryptischen, phantastischen und zum Schluss auch spannenden Elementen.
Ebenso vielfältig ist der Stil des Autors. Je nachdem, ob wir uns in der Parallelwelt oder der Realität aufhalten, und dort auch abhängig vom Personenkreis, in dem wir uns gerade bewegen, variiert die Erzählweise Mitchells.
Bis auf Holly waren die Protagonisten kaum greifbar für mich. Selbst in sie konnte ich mich kaum einfühlen. Vielleicht lag es an ihrem sperrigen Charakter, oder auch bei den anderen Figuren an ihren eher unsymathisch anmutenden Eigenschaften – ich weiß es nicht.

Leider konnte ich im Roman nicht die „moralische Betrachtung und Chronik unseres selbstzerstörerischen Handelns“ erkennen. Vielleicht fehlt mir aber auch nur „jene Intelligenz, die David Mitchell zu einem der herausragenden Autoren seiner Generation gemacht hat.“ (s.u. in der Inhaltsangabe des Verlags.)

Auch dieser Titel David Mitchells ist sicherlich ein opulentes Werk, aber man muss sich auf Inhalt und Stil einlassen können, um daran Gefallen zu finden. Auf mich hatte es leider nicht diese hypnotische Wirkung wie beispielsweise „Der Wolkenatlas“.
Aber die Lesegeschmäcker sind halt verschieden!

Inhalt
An einem verschlafenen Sommertag des Jahres 1984 begegnet die junge Holly Sykes einer alten Frau, die ihr im Tausch für „Asyl“ einen kleinen Gefallen tut. Jahrzehnte werden vergehen, bis Holly Sykes genau versteht, welche Bedeutung die alte Frau dadurch für ihre Existenz bekommen hat.

Die Knochenuhren folgt den Wendungen von Holly Sykes‘ Leben von einer tristen Kindheit am Unterlauf der Themse bis zum hohen Alter an Irlands Atlantikküste, in einer Zeit, da Europa das Öl ausgeht. Ein Leben, das gar nicht so ungewöhnlich ist und doch punktiert durch seltsame Vorahnungen, Besuche von Leuten, die sich aus dem Nichts materialisieren, Zeitlöcher und andere kurze Aussetzer der Gesetze der Wirklichkeit. Denn Holly – Tochter, Schwester, Mutter, Hüterin – ist zugleich die unwissende Protagonistin einer mörderischen Fehde, die sich in den Schatten und dunklen Winkeln unserer Welt abspielt – ja, sie wird sich vielleicht sogar als deren entscheidende Waffe erweisen.

Metaphysischer Thriller, moralische Betrachtung und Chronik unseres selbstzerstörerischen Handelns – dieser kaleidoskopische Roman mit seiner Vielfalt von Themen, Schauplätzen und Zeiten birst vor Erfindungsreichtum und jener Intelligenz, die David Mitchell zu einem der herausragenden Autoren seiner Generation gemacht hat.
Aus dem Englischen wurde der Roman von Volker Oldenburg übersetzt.

Autor
David Mitchell, geboren 1969 in Southport, Lancaster, studierte Literatur an der University of Kent, lebte danach in Sizilien und Japan. Er gehört zu jenen polyglotten britischen Autoren, deren Thema nichts weniger als die ganze Welt ist. Für sein Werk wurde er u.a. mit dem John-Llewellyn-Rhys-Preis ausgezeichnet, zweimal stand er auf der Booker-Shortlist. Sein Weltbestseller Wolkenatlas wurde von Tom Tykwer und den Wachowski-Geschwistern verfilmt. David Mitchell lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Clonakilty, Irland.

Quelle: Rowohlt Verlag

Advertisements

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu *+* David Mitchell: „Die Knochenuhren“ *+*

  1. Ela schreibt:

    Hallo Heike,
    danke für Deine ehrliche und gut argumentierte Rezension. Sie zeigt mir, dass das Buch auch für mich nichts ist.
    Manchmal fassen uns die Geschichten einfach nicht so wie wir es uns wünschen.
    Zum Glück ist das aber eher selten der Fall 🙂
    Liebe Grüße
    Ela

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s