*+* Reinhard Kleist: „Der Traum von Olympia“ *+*

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Der Traum von Olympia
Ich bin zurück von meiner Reise. Ausgemergelt, mit den Nerven am Ende, verzweifelt. Aber ich bin angekommen – nicht jeder, der diese Reise tut, hat das Glück, lebend sein Ziel zu erreichen. Ich habe Samia ein Stück begleitet.

Samia ist etwas ganz besonderes, denn sie war bei 2008 bei den Olympischen Spielen in Peking für ihr Land Somalia an den Start gegangen, durfte sogar beim Einmarsch in das Stadion die Landesflagge halten. Damals war sie durch eine Wildcard zum Teilnehmerfeld gestoßen und hatte beim 200m-Lauf nicht den Hauch einer Chance gegen die hochkarätige qualifizierte Konkurrenz. Dennoch war ihre Familie, war das Land stolz auf sie und Samia setzte sich ein hohes Ziel: Auch 2012 in London wollte sie dabei sein – aber dieses Mal nicht, um wieder hinterherzulaufen. Sie träumte davon, als Siegerin und Profisportlerin genug zu verdienen, um ihre vom Schicksal geschlagene Familie zu unterstützen.

Das Land ist arm, man lebt häufig von der Hand in den Mund, die Menschen müssen zusammenhalten, um zu überleben. Samias einziger Lichtblick ist ihr Traum von der Teilnahme an den nächsten Olympischen Spielen. Ich wünschte ihr von Herzen, dass er sich erfüllen würde!

Samia trainierte in jeder freien Minute. Aber nicht nur die äußeren Bedingungen dafür waren schlecht. Neben ungeeigneter Laufkleidung, unwirtlichen Trainingsstrecken, mangelhafter Ernährung machten ihr auch die politisch komplizierte und sehr angespannte Lage das Leben schwer. Zu leiden hatte die Bevölkerung, deren Rechte von den islamistischen Extremisten immer mehr beschnitten werden.
Schon in diesem Bereich des Buches musste ich schwer schlucken. So vieles, was uns selbstverständlich und als die natürlichsten „Sachen der Welt“ erscheinen, ist in Samias Welt purer Luxus, wenn nicht gar unerreichbar.
So bleibt ihr als einzige Möglichkeit, um ihren großen Wunsch erfüllen zu können, Somalia zu verlassen.

Eine schreckliche Odyssee beginnt. Schweren Herzens tritt sie die Reise an….die Reise ins Ungewisse. Ich war dabei – zwar nur in Form dieser Graphic Novel, aber die hat es in sich. Gehalten sind die Zeichungen in schwarz-weiß, was der Thematik sehr gerecht wird. Zudem unterstricht das Fehlen der Farben die Tristheit und Ausweglosigkeit nicht nur Samias Leben in der Heimat, sondern auch das große Risike, diese wahnsinnige Ungewissheit ihrer Reise, die immer mehr zur Zitterpartie um Samias Leben und das der anderen hoffnungslosen Mitreisenden wird. Wobei „Reisender“ keine angemessene Wortwahl ist, denn die Bedingungen, um die Menschen zu transportieren, sind mehr als menschenunwürdig. Mir brach es fast das Herz, als ich miterlebte, welch geringen Wert ein Leben offenbar viel zu oft hat.
Kein geschriebener Roman hätte die Verzweiflung der Menschen, die sich an jeden noch so kleinen Strohhalm greifen, besser transportieren können, als die ausdrucksvollen Zeichnungen dieses Buches….

„Der Traum von Olympia“ ist schnell gelesen, hat aber einen sehr langen Nachhall. Unsere Lebensbedingungen sind Luxus. Zuverlässig fließendes Wasser, Strom, ein dichtes Dach über dem Kopf, intakte Kleidung, jederzeit genug zu essen, Frieden und meistens auch die Freiheit, das tun zu können, was man möchte, ist keineswegs selbstverständlich. Leider vergessen wir das viel zu oft. Und leider sind wir so sehr abgestumpft, dass Schreckensmeldungen über solch unmenschlichen Bedingungen eher ein Schulterzucken als Entsetzen hervorrufen.

Kein Roman, kein Schicksalsbericht könnte die Botschaft des Buches näher an den Leser herantragen als diese Form der Umsetzung.
Die großartigen Zeichnungen wirken weniger auf Verstandes- als mehr auf Gefühlsebene.
Die Schilderungen im Dorf – die Warmherzigkeit und Liebe innerhalb der Familie einerseits, der Hass und die Machtgier der Aufständischen andererseits -, die Gefühle stehen den Menschen ins Gesicht geschrieben, und alles das macht diese Graphic Novel sichtbar. Wenn dir Empathie kein Fremdwort ist, dann fühlst du mit Samia und den anderen Betroffenen.

Selten fühlte ich mich beim Lesen ohnmächtiger.

Inhalt
Dass Reinhard Kleist in der Lage ist, schwierigste historische Themen in einer Graphic Novel umzusetzen, hat er mit „Der Boxer“ bewiesen. Jetzt nimmt er ein aktuelles Thema anhand einer wahren Geschichte auf: Die Sprinterin Samia Yusuf Omar vertrat Somalia bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking. In ihrer Heimat wurde sie jedoch von islamistischen Extremisten bedroht, die ablehnen, dass Frauen Sport treiben. In der Hoffnung, an der Olympiade in London teilnehmen zu können, versuchte sie die Flucht nach Europa. Samia Yusuf Omar ertrank 2012 im Alter von 21 Jahren vor der Küste Maltas im Mittelmeer.

Autor
Geboren wurde Reinhard Kleist 1970 in der Nähe von Köln. Er studierte Grafik und Design in Münster und zog 1996 nach Berlin, wo er seitdem lebt und sich heute mit den Comic-Zeichnern Fil, Mawil, Andreas Michalke und Naomi Fearn ein Atelier teilt.
Er veröffentlichte zahlreiche Comics, unter anderem bei den Verlagen Ehapa, Landpresse, Reprodukt und Edition 52 und Carlsen. Neben seinen Comicarbeiten schuf Reinhard Kleist Illustrationen für Bücher von H.C. Artmann und J.G. Ballard und für Plattencover von Terrorgruppe und Bear Family Records. Darüber hinaus verschönerte er diverse Hausfassaden in Berlin und war als Artdirector für Trickfilme tätig.
Reinhard Kleist erhielt für seine Comics bereits mehrere Preise, darunter 1996 den Max-und-Moritz-Preis und 2007 den PENG-Preis sowie den Sondermann-Preis für „Cash – I see a darkness“
Sein Band „Cash – I see darkness“ wurde auf dem Internationalen Comic-Salon in Erlangen 2008 mit den Max-und-Moritz-Preis als Bester deutschsprachiger Comic ausgezeichnet.
Quelle: Carlsen Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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4 Antworten zu *+* Reinhard Kleist: „Der Traum von Olympia“ *+*

  1. Miri schreibt:

    Oh, Heike, ich kann deine Gefühle beim Lesen so gut nachvollziehen…

  2. scathach25 schreibt:

    Was für eine schöne und ausführliche Rezension. Das Buch klingt wirklich interessant und vorallem so wichtig. Danke für deine Meinung zum Buch.

    LG Eva

    • irveliest schreibt:

      Hallo Eva,
      danke für deine lieben Worte!
      Das Buch war inzwischen vergriffen und ist seit letzter Woche endlich wieder erhältlich 🙂
      Liebe Grüße, Heike

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