*+* Milena Michiko Flašar: „Ich nannte ihn Krawatte“ *+*

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Ich nannte ihn krawatte
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„Friss´ oder stirb!“ So könnte man nach der Lektüre dieses Buches das allgemeingültige, gesellschaftliche Motto Japans zusammenfassen. Es gibt Aussteiger zuhauf, die dem Druck nicht standhalten können, oder sich diesem Irrsinn nicht unterwerfen wollen. Erwünscht ist nicht, was dem Individuum gefällt, oder es glücklich macht, sondern das, was der Gesellschaft dienlich ist. Ein perfektes System an Zahnrädern – zumindest theoretisch. Was aber, wenn sich eines von ihnen nicht weiterdreht? Steckt es nicht mitten im System, sind die Auswirkungen gering und das Versagen kann unter schamvollen Lügen versteckt werden. Aber unbegrenzt funktioniert diese Kompensation nicht. Denn steht es mehr im Zentrum, dann ist die Möglichkeit, auf gleichgesinnte Nachahmer zu treffen, noch größer. Und dann?

„Zu jung erkannte er, dass nichts vollkommen ist, und er war zu jung, um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Dass dies auch meine Krankheit war, davor wollte er mich vielleicht warnen.“

Die Autorin geht nicht soweit, ergründen zu wollen, wie viele Verweigerer des unreflektierten Befolgens der ungeschriebenen Gesetze diese Gesellschaft verkraften kann. Das ist nicht ihre Intention. Sie greift sich einige wenige Menschen, im Sinne des Regelwerks defekte, Zahnrädchen aus der Masse heraus und zeigt an ihnen die Ursachen für die gefühlte Ausweglosigkeit auf. So begreift man recht schnell, warum sich der rote Faden der Verzweiflung quer durch alle Altersklassen und Schichten zieht.

„Selbst der allerkleinste Stachel reißt, wenn er tief genug sitzt, eine Wunde ins Fleisch. Man spürt ihn als einen Fremdkörper, der den eigenen, nach und nach, in die Knie zwingt.“

Milena Michiko Flasar erzählt mit einem eindringlichen Schreibstil. Ihre Wortwahl, deren Komposition zu tiefen Wahrheiten, die stellenweisen halben Sätze, die mit alldem erzeugte Gesamtstimmung – sie bleibt am Leser haften! Man fragt sich unwillkürlich nach seinem Platz im Leben. Prüft, ob und wie weit die eigene Schere des Wollens und Sollens auseinanderklafft und mag möglicherweise gar umfassende Schlüsse ziehen und entsprechende Entscheidungen treffen. Die Hauptcharaktere des Buches haben dies getan. Sie haben den eigenen Willen erspürt und sind ihm gefolgt.

„Man lebt nur einmal, heißt es. Warum stirbt man so oft?“

Sehr berührend sind die Gespräche der wie Seelenverwandte anmutenden beiden Männer, die sich immer mehr annäherten. Aus dem anfangs scheuen Blickkontakt, gepaart mit dem Wunsch, sich bloß nicht auf den anderen einzulassen, wurde tiefe Freundschaft, die große Blüten trieb. Die später geernteten Früchte waren jedoch von unterschiedlicher Qualität.

„Jeder Mensch ist eine Ansammlung von Geschichten. Ich aber. Ich zögerte. Ich habe Angst davor, Geschichten anzusammeln. Ich wäre gerne nur eine, in der nichts passiert.“

Öhara Tetsu und Taguchi Hiro, die beiden Männer auf der Parkbank, die irgendwie aus dem Leben gefallen zu sein schienen, beeindruckten mich sehr. Nicht nur, was sie erzählten, sondern dass sie es überhaupt taten! Es waren Dinge, die zutiefst in ihnen vergraben lagen, unschöne Erinnerungen und Gedanken. Über lange Zeit verbarrikadiert hinter dicken Mauern, durften sie endlich das Bewusstsein erreichen und verarbeitet werden – mit weitreichenden Folgen.

„Schäm dich nur ja nicht dafür, ein Mensch mit Gefühlen zu sein. Egal, was es ist, fühl es innig und tief. Fühl es noch ein bisschen inniger, fühl es noch ein bisschen tiefer. Fühl es für dich. Fühl es für den anderen. Und dann: Lass es gehen.“

So verzweifelnd und düster wie man nun meinen mag, ist „Ich nannte ihn Krawatte“ nicht, denn auch die Hoffnung weiß ihre machtvolle Saat in diesen zauberhaften Roman hineinzusäen. Das Leben ist nicht nur Pflicht und Frust, es ist auch ein Geben und Nehmen, ein Akzeptieren und Loslassen. Hat man den richtigen Weg erst gefunden, ist es auch möglich, ihn im Gleichtakt mit den anderen Zahnrädern der Gesellschaft zu beschreiten und dabei sogar glücklich zu werden.

Inhalt
Ist es Zufall oder eine Entscheidung? Auf einer Parkbank begegnen sich zwei Menschen. Der eine alt, der andere jung, zwei aus dem Rahmen Gefallene. Jeder auf seine Weise, beide radikal, verweigern sie sich der Norm. Erst einem fremden Gegenüber erzählen sie nach und nach ihr Leben und setzen zögernd wieder einen Fuß auf die Erde. Milena Michiko Flašars Parkbank befindet sich in Japan und könnte doch ebenso gut anderswo in der westlichen Welt stehen. Dieser Roman stellt der Angst vor allem, was aus der Norm fällt, die Möglichkeit von Nähe entgegen – sowie die archaische Kraft der Verweigerung.

Autorin
Milena Michiko Flašar, geboren 1980 in St. Pölten, hat in Wien und Berlin Komparatistik, Germanistik und Romanistik studiert. Sie ist die Tochter einer japanischen Mutter und eines österreichischen Vaters, lebt als Schriftstellerin in Wien und unterrichtet nebenbei Deutsch als Fremdsprache.
Quelle: Randomhouse

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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3 Antworten zu *+* Milena Michiko Flašar: „Ich nannte ihn Krawatte“ *+*

  1. tinaherrlich schreibt:

    Liebe Heike,

    das klingt tatsächlich nach einem faszinierenden Buch, das nun auf jeden Fall einen Platz auf meiner Wunschliste bekommt (und dann später in meinem Regal). 🙂

    Wieder mal eine sehr eindrückliche Buchbesprechung von dir!

    Herzliche Grüße
    Tina

  2. Hauke schreibt:

    Eines meiner Lieblinge… Viel Freude und herzliche Grüße, Hauke

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