*+* Alessandro Baricco: „Novecento“ *+*

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novecento
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Danny Boodmann T.D. Lemon Novecento kennt die Welt wie seine Westentasche – jeden kleinen Winkel kann er beschreiben. Und das, obwohl er den Ozeanriesen „Virginian“, auf dem er einst geboren wurde, nie verlassen hat.

„Er hatte die Welt tatsächlich wohl nie gesehen. Aber seit siebenzundzwanzig Jahren kam die Welt auf dieses Schiff. Und seit siebenundzwanzig Jahren spionierte er sie auf diesem Schiff aus. Und stahl ihr die Seele.“

Novecento wurde von Danny Boodmann auf einem Klavier gefunden, gebettet in eine Zitronenkiste mit der Aufschrift „T.D. Lemon“ – und das im Jahre 1900, so lässt sich sein Name herleiten. Es ist ein besonderer Name, ebenso wie der Mensch, der ihn trägt.

„Novecento war der größte Pianist, der je auf einem Schiff gespielt hat.“

Die Musik ist seine Welt, der Ozeanriese seine Heimat, den Ort des Glücks, aber auch des Verderbens vereinigend. Denn der einzige Versuch, das Schiff zu verlassen, scheitert kläglich. Die Unendlichkeit des Meeres barg über lange Zeit ein großartiges Versprechen für den jungen Mann. Als dieser aber begreift, dass die Unendlichkeit gar nicht unendlich ist und unkalkulierbar sein kann, dreht er um – in mehrerlei Hinsicht. Somit wird das Ende der Erzählung plausibel und schlüssig.

„Du musst nicht denken, dass ich unglücklich bin: Ich werde es niemals mehr sein.“

Die Erzählung Bariccos ist umgesetzt in eine Kombination aus dem Monolog des Erzählers – einem der Mitglieder der Schiffsband – und einem Theaterstück, dessen Szenen die Schilderungen immer wieder unterstreichen.

Novecentos Sein wird mit dieser berührenden Geschichte lebendig. Häufig konnte ich das Verhalten und die Gedankengänge sowie die Lebensphilosophie des Schiffs-Eremiten gut nachvollziehen. Sein Leben hallte klar in mir wieder. Das Ende warf jedoch unendliche Echos, verzerrt in ihrer Akustik, sodass ich bei der letzten Passage Novecentos noch genauer hinhören muss, um sie begreifen zu können. Nicht der Weg, den er gegangen ist, sondern wie er ihn gegangen ist, zaubert in mir zudem kaleidoskopartige, facettenreiche Bilder, die mir aber immer wieder entgleiten und deren Schärfe ich erst noch justieren muss.

„Die Wünsche haben mir die Seele zerrissen. Ich hätte sie ausleben können, aber ich habe es nicht geschafft. Also habe ich sie verzaubert.“

Die Erzählung ist durchzogen von Musik und dem Takt der Wellen, auf denen die Virginian ihre Passagen nimmt. Baricco schwingt äußerst poetisch, faszinierend und sehr einnehmend seinen Taktstock des Schreibens, um seine Erzählung philosophisch, geheimnisvoll, zum Teil auch kryptisch an der Leser heranzutragen. Die stellenweise lyrischen, manchmal auch surreal anmutenden Textstellen bieten eine großartige Vorlage, um sich über dieses wundervolle Büchlein auszutauschen.

Inhalt
Anfang des 20. Jahrhunderts wird auf dem Passagierschiff »Virginian« ein Findelkind entdeckt. Der Maschinist Danny Boodman nimmt sich des kleinen Jungen an und nennt ihn Novecento. Das Kind entwickelt sich nach und nach zu einem Klaviertalent und begeistert auf den Rundreisen die Passagiere der »Virginian« auf sämtlichen Meeren. Doch eines tut der Virtuose dabei nie: sein Zuhause, das Passagierschiff, verlassen. Als die »Virginian« Jahre später verschrottet zu werden droht, muss sich Novecento jedoch entscheiden …

Autor
Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. 1994 gründete Baricco zusammen mit Freunden eine Privatuniversität, an der er Kreatives Schreiben unterrichtet. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst. Sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Er wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet. Zuletzt erschien sein Roman Mr. Gwyn (2015).
Quelle: Hoffmann und Campe

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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6 Antworten zu *+* Alessandro Baricco: „Novecento“ *+*

  1. AstroLibrium schreibt:

    Ich sage nur Ennio Morricone… Die Verfilmung zu Novecento ist eine Verfilmung für sich. Sie ist grandios, surreal und einfach so, wie man sich den perfekten Film vorstellt. Und Morricone hat es geschafft, die Musik aus Barricos Zeilen ins Klavier zu bringen.

    Ein brillanter Text. Zu viel Welt am Rande der Gangway. Wer bleibt nicht gerne in seinem kleinen beschaulichen Leben? Die Virginian ist in uns und heitßt Schweinehund. Wenn man ihn nicht überwindet… Was für eine Metapher.

    Du hast wirklich Fan-Status erreicht… und dein Ranking der Barrico-Texte ist ok. Bei Seide wird sich alles ändern…

  2. Silvia schreibt:

    Mein Lieblingsbuch des Autors ist Seide.
    Die Verfilmung von Novecento kenne ich noch nicht. Das werde ich ändern.

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