*+* Melanie Sumner: „Eine Therapie für Aristoteles“ *+*

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Eine Therapie für Aristoteles
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„Ich schlage vor, wir gehen einfach davon aus, dass ich als fiktive Gestalt in der vierten Dimension der Realität existiere, in der Zeit und Raum zu einer unmittelbaren und unendlichen Erfahrung kollabiert sind, die in Einklang mit Einsteins Relativitätstheorie nur eine Illusion ist.“

Aristoteles Thibodeau ist 12 ½ Jahre alt. Sie hat einen 8-jährigen Bruder, Max. Ihr Vater ist tot und Mutter Diane scheint mit ihrem Leben völlig überfordert zu sein. Sei es ihr Job an der Uni, sei es ihr Job als Mutter, überall scheitert sie eindrucksvoll. Selbst in Liebesdingen kriegt sie nichts auf die Reihe – und fragt mal ihre Eltern: Auch als Tochter ist sie definitiv nicht das, was erwartet wird. So ist es also kein Wunder, dass es bei den Thibodeaus immer wieder brennt.

Eines Tages hat Diane eine – wie sie findet – grandiose Idee! Aris könnte doch einen Roman schreiben…. Warum das, werden sich jetzt sicher viele Leser fragen….

Max und Aris sind so „anders“, dass sie laut Einschätzung ihrer Mutter eigentlich beide einer Therapie bedürften. Aber es ist nur genug Geld da, um diese einem Kind angedeihen zu lassen, und das ist Max. Der agiert – mit Verlaub – für seine familiären Umstände allerdings ganz nachvollziehbar und wirkte auf mich nicht verhaltensgestört. Aris bekommt von ihrer Mutter als Therapie-Ersatz den Ratgeber „Romane schreiben in 30 Tagen“. Hofft Diane insgeheim, dass ihre Tochter mal eben einen Bestseller aus dem Boden stampft?

Die 12 1/2-Jährige beginnt und versucht, die allgemein gehaltenen Richtlinien und Regeln des Buches mit Leben zu füllen – mit ihrem Leben und dem ihrer Familie. Dabei entstehen häufig irre Verwicklungen und Geschehnisse, die man nicht unbedingt für bare Münze nehmen muss. Dennoch wird ab diesem Punkt das Lesen anspruchsvoller, denn Aris erzählt – wie man das vom jugendlichen Alter her kennt – völlig unbedarft und kommt dabei von Höcksken auf Stöcksken und verzettelt sich immer wieder. Durch diese wirre thematische Springerei lässt sich beim besten Willen kein roter Faden finden. Die unchronologische Erzählweise bewirkt zudem, dass Aris nie lange bei den verschiedenen Charakteren verbleibt und man eigentlich keine Gelegenheit hat, diese richtig kennenzulernen. Die Puzzleteile jedes einzelnen Protagonisten finden erst zum Schluss zu einem unscharfen Bild zusammen. Mir ist es dadurch sehr schwer gefallen, für jemanden aus dem Buch Sympathie zu empfinden.

Bis zum Ende ist nicht wirklich klar, ob Aris alles wahrheitsgemäß berichtet (der Wahrheit einer fast Teenagerin geschuldet), oder sie lediglich versucht, die Vorgaben ihres Ratgebers zu bedienen, um die verschiedenen Phasen ihres Romans zu bedienen.
Eine weitere Möglichkeit wäre auch, dass sich jemand für Aris ausgibt und so tut, als ob….
Die schriftstellerische Freiheit ist schließlich grenzenlos.

Bei dem Versuch, den Leser an ihr Erstlingswerk zu binden und einen Pageturner daraus zu machen, greift Aris tief in die Trickkiste und sie bietet dabei einen ganzen Bauchladen an Themen an. Aber so wie das berühmte Sprichwort schon weiß, dass zu viele Köche den Brei verderben, macht eine große Masse an Themen nicht automatisch einen Roman großer Klasse daraus. Zumal jeder Gedanke mehr oder weniger nur gestreift und nichts in bedeutender Tiefe behandelt wird.

Um nochmal zum Beginn meiner Worte zurückzukommen:
Wer sich in der vierten Dimension auskennt, oder bereit ist, sich auf diese einzulassen, hat an „Therapie für Aristoteles“ vermutlich viel Lesespaß und wird gute Unterhaltung finden. Und wer wie ich diesen spießigen roten Faden der ersten drei Dimensionen braucht, sollte sich auf ein wahrhaft „anderes“ Leseabenteuer gefasst machen!

Inhalt
Aristoteles »Aris« Thibodeau ist zwölfeinhalb Jahre alt. Nein, sie ist kein Junge. Und ja, sie ist zu Höherem berufen. Leider steckt sie seit dem Tod ihres Vaters in einer eher mäßig interessanten Kleinstadt fest, wo sie sich um das desolate Liebesleben ihrer Mutter kümmern muss. Nicht zu vergessen ihr Job als Koerzieherin ihres kleinen Bruders Max, für dessen Therapie das gesamte Geld der Familie draufgeht.
Zum Glück hat Aris einen Plan. Mithilfe des Ratgebers ›Schreiben Sie einen Roman in 30 Tagen!‹, den ihre Mutter ihr als Therapieersatz in die Hand gedrückt hat, will sie einen Bestseller schreiben. Inhalt des Buches: ihre charmant dysfunktionale Familie. Wenn nur ihre Mutter endlich die Finger vom Onlinedating lassen würde, dann könnte sie erkennen, dass der perfekte Mann für sie der Handwerker und Nanny-Ersatz Penn Mac-Guffin ist. Und Aris hätte zumindest schon mal den romantischen Strang ihres Plots in der Tasche (und einen Vater im echten Leben). Als jedoch ein Unfall einen düsteren Teil der Thibodeau-Familienhistorie enthüllt, muss Aris einsehen, dass manches im Leben – genauso wie in der großen Literatur – nicht exakt so verläuft, wie es geplant war.

Autorin
Melanie Sumner veröffentlichte bislang die Romane ›The Ghost of Milagro Creek‹, ›The School of Beauty and Charm‹ und ›Polite Society‹. Ihre Prosa erschien in diversen Magazinen, darunter The New Yorker, Harper’s Magazine und Seventeen. Ausgezeichnet wurde sie u. a. mit dem Whiting Writers’ Award und dem New Mexico Book Award, und sie war Fellow des National Endowment of the Arts. Melanie Sumner lebt in Georgia und lehrt an der Kennesaw State University. http://www.melanie-sumner.com
Quelle: Dumont

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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