*+* Ángeles Donate: „Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ *+*

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Der schönste Grund, Briefe zu schreiben 1
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Als ich „Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ zuklappte, beendete ich nur das Buch, nicht aber die Geschichte. Über die letzte Seite hinaus fühle ich mich mit der wunderbaren Dorfgemeinschaft verbunden. Ich habe Freundschaft mit den Figuren geschlossen und weiß mehr über sie alle, als sie denken. Denn ich habe Mäuschen gespielt und heimlich, still und leise alle ihre Briefe gelesen, die sie sich unbekannterweise geschickt haben.

„Diese Briefe haben etwas Magisches und werden auf magische Art das Leben all derer verändern, die einen solchen Brief erhalten haben.“

Warum das, wird sich nun der eine oder andere fragen. Ich mag gar nicht weit ausholen und gebe euch nur einen kleinen Abriss wieder. Sara, die Postbeamtin des Dorfes Porvenir, droht ihren Arbeitsplatz zu verlieren, denn weder werden dort noch Briefe geschrieben, noch gilt es, welche zuzustellen.

Aber in diesem zauberhaften Ort sind Nachbarn nicht nur Nachbarn, sondern auch Freunde und Verbündete. Sie halten zusammen, wenn es hart auf hart kommt. Vor der Briefaktion wusste dies kaum einer von ihnen, aber der Sog des guten Willens und Helfens riss sie mit und ließ alle Beteiligten in einem Meer aus Freundschaft und Zuneigung gemeinsam gegen den Strom schwimmen.

„Der beste Tag, um glücklich zu sein, ist heute. Alles, was wir auf später verschieben, werden wir vielleicht nicht mehr erleben.“

Eine reizende alte Dame, die Nachbarin Saras, hatte nämlich die Idee, eine Briefkette im Dorf zu initiieren. Sie selbst machte den Anfang und nach anfänglichem Zögern und Zaudern ließen sich auch alle weiteren Empfänger dazu bewegen, ebenfalls einen Brief innerhalb des Ortes zu versenden. Natürlich drückte ich Sara die Daumen, dass Rosas Plan aufgehen, und sie ihre Arbeit würde behalten können! Denn sie hatte nicht nur für sich, sondern auch ihre drei Kinder zu sorgen.

„Meine Heimat? Sie ist in mir drin. Der Ort, den ich betrete, ist nur ein stück Land.“

Jedoch handelt dieser wundervolle Roman nicht nur von dem charmanten Versuch, den Arbeitsplatz der Postbeamtin zu erhalten. Durch die Briefe erhält man einen tiefen Einblick in jeden einzelnen der Briefeschreiber. Denn da sie sich anonym schreiben, weiß keiner der Empfänger, von wem er sein eigenes Schriftstück erhalten hat. Und so öffnet man sich. Anfangs zögerlich, später immer mutiger und nicht wenige der Dörfler entdecken auf dieser schreibenden Reise einen interessanten Weg zu sich selbst.

„Es gibt niemals einen geeigneten Zeitpunkt, um uns dem zu stellen, was uns belastet.“

Der Leser jedoch kennt nicht nur den Inhalt der Briefe, er ist ebenfalls über das Leben im Dorf informiert. Jeder Protagonist, der an der Kette beteiligt ist, ist nicht nur eins deren Glieder, er erhält von der Autorin ebenfalls seinen angemessenen Platz im Leben des Dorfes und seiner Gemeinschaft.

Ich fand es sehr interessant, die Charaktere sozusagen von innen und außen gleichermaßen kennen zu lernen. Zu erleben, wie sie selbst sich sehen, wie sie selbst ihren Platz in ihrem Leben erklären, was sie denken, wünschen und fühlen – aber auch, wie sie von den anderen Menschen um sie herum wahrgenommen werden. So entwickelt sich nach und nach ein buntes Kaleidoskop an Lebens-Schnippseln.

Als die Kette endet, schließt sich durch das Verbinden der Briefe der Kreis auf wundervolle Weise. Aber nicht nur äußerlich ordnen sich die Verhältnisse neu, auch innerlich haben die Briefe die Menschen verändert und miteinander verbunden.

„Ich wünschte, die Erde wäre eine große Bibliothek, in der alle Menschen Seite an Seite so friedlich zusammenlebten wie die Bücher in den Regalen.“

Der Schluss des Buches ist traumhaft romantisch – und kommt dabei ohne den kleinsten Funken an Kitsch aus. Es ist auch nicht wirklich ein Abschluss, denn das Leben geht weiter. Es ist ein Ende, dem viele Anfänge inne wohnen und die sich durch die zwischenmenschlich geknüpften Verbindungen auf glückliche Art und Weise entwicklen würden – da war ich mir sicher!

Ja, ich verließ Porvenir mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Denn mit der Idee, der Umsetzung und der Entwicklung der Geschichte traf die Autorin mitten in mein Herz. So war ich zwar traurig, dass der Roman viel zu schnell beendet war, aber auch beglückt. Denn die Figuren sind mir sehr ans literarische Herz gewachsen und ich werde mich gerne auch später noch an die eine oder andere Weisheit und kluge Handlung erinnern.

„All die Fäden dieses immensen Teppichs, der nicht nur mein Teppich ist, sondern das von allen, die mir vorangingen; Ich möchte aus ihnen etwas Schönes weben, damit all jene, die nach mir kommen, mich darin sehen können.“

Aber nicht nur der Aspekt der Freundschaft, der Liebe, des Zusammenhaltens und gemeinsamen Kämpfens wusste mich zu überzeugen. Der tiefe Respekt gegenüber der Macht der Worte, der Sprengkraft von Literatur – mit überaus zahlreichen Zitaten belegt, trifft meinen Geschmack sehr. Wer Bücher liebt, die sich selbst und ihre teils gewaltige Wirkung zum Thema haben, wird sich in diesem Buch wohl sehr zuhause fühlen!

Zudem macht der Roman Lust auf die Langsamkeit und Besonnenheit des Briefeschreibens – widmen wir uns nicht viel zu selten lieben Menschen auf diese Art und Weise?

Was mir darüber auch noch wirklich gut gefallen hat, ist die Wichtigkeit der Langsamkeit. Es geht hier nicht ums Trödeln und Zeit vergeuden. Eher streicht die Autorin heraus, wie wichtig es ist, sich Zeit für die wirklich bedeutsamen Dinge im Leben zu nehmen. Nicht nur für andere da zu sein, sondern ihnen Zeit zu schenken. So viel Zeit, wie eben nötig ist, um das, was getan werden muss, in Liebe und Ruhe zu tun.

Dazu gehört auch, sich selbst anzunehmen, wie man ist. Man soll nicht vor sich fliehen, sondern sich auch die Mühe machen, sich selbst zu ergründen und zu verstehen. Vielleicht findet man dort sogar eine Überraschung und erkennt sich erst dann wirklich. Bei einigen Dorfbewohnern ist dies geschehen. Und es war eine Befreiung, den Panzer der Verkrustung seiner Selbst aufzubrechen und dem wahren Ich mit seinen wirklichen Wünschen zu folgen.

„Worauf wartest du? Du bist die Autorin deines eigenen Lebens!“

Nehmt euch Zeit, geht achtsam mit euch und anderen um – Das Stilmittel des Briefes, um dies zu unterstreichen, ist ganz grandios gewählt!

Ich habe aus Wertschätzung gegenüber dem Roman einige seiner wundervolle Zitate verwendet und ende nun mit einem kurzen, ganz persönlichen Fazit:

„Wenn dich die Erzählung umarmt wie eine alte Bekannte und du dich in einem der Charaktere mehr als wiederfindest, fühlst du dich selbst wie ein Bewohner des zauberhaften Örtchens Porvenir .“ (Irve liest)

Inhalt
In dem kleinen spanischen Ort Porvenir zieht der Winter mit einer schlechten Nachricht ein: Das über hundert Jahre alte Postamt soll geschlossen werden. Eine Hiobsbotschaft für Sara, die rothaarige Postbotin und alleinerziehende Mutter, die nun nach Madrid versetzt werden soll. Und eine Katastrophe für die achtzigjährige Rosa, die in der sympathischen Frau und ihren drei kleinen Kindern eine Familie gefunden hat. Doch dann hat die alte Dame eine Idee, die alles vielleicht noch retten könnte: Sie schreibt einen Brief, der ihr schon seit Jahrzehnten auf der Seele brennt, und eröffnet damit einen Reigen außergewöhnlicher Briefe, die alle auf dem Postamt von Porvenir landen. An ihrem vierzigsten Geburtstag erhält die vollkommen überraschte Sara neununddreißig Briefe mit Zitaten aus den schönsten Liebesbriefen der Weltliteratur. Der vierzigste Brief aber ist von dem Mann, der sie heimlich liebt …

Autorin
Ángeles Doñate wurde in Barcelona geboren und wuchs als Älteste von fünf Geschwistern in einem Haus voller Licht und mit Tieren und Büchern auf. Nach dem Studium arbeitete sie als Journalistin und Kommunikationsmanagerin. Der schönste Grund, Briefe zu schreiben ist ihr erster Roman, der in Spanien mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Denn eine Welt ohne Briefe wäre für Ángeles Doñate wie für viele ihrer Leserinnen und Leser wohl ein wahrhaft trauriger Ort.

Buch
„Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ von Ángeles Donate ist im Februar 2016 unter der ISBN-Nr. 978-3-85179-341-3 im Thiele Verlag erschienen. Der Roman umfasst 420 Seiten und wurde von Anja Rüdiger vom Spanischen ins deutsche übersetzt.
Quelle: Thiele Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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Eine Antwort zu *+* Ángeles Donate: „Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“ *+*

  1. Vanessa M. schreibt:

    Ach Heike, jetzt ist mein Wunsch, dieses Buch zu lesen, noch mehr gestiegen, dabei ist mein SuB doch schon so hoch 😦
    Auf meiner Wunschliste steht es aber schon 🙂
    Liebe Grüße, Vanessa

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