*+* Alessandro Baricco: „Mr. Gwyn“ *+*

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Mr. Gwyn
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„Das Leben verkomplizieren – oder klären, wer weiß.“

Jasper Gwyn ist Anfang 40 und nach der Veröffentlichung dreier Bücher ein bekannter und angesehener Schriftsteller. Als er eines Tages in einem renommierten Blatt eine Liste mit 52 Dingen veröffentlichen lässt, die er nie wieder zu tun gedenkt, wundert sich die Leserwelt. Denn einer der Punkte lautet, dass Mr. Gwyn das Schreiben von Büchern an den Nagel hängt.

„All unsere endgültigen Beschlüsse werden in einem Geisteszustand gefasst, der nicht anhalten wird.“

Sein Agent kann tun, was er will, des Autors Entschluss steht fest. Jasper Gwyn zieht sich für einige Zeit nach Spanien zurück. Nach vielen Wochen des Suchens hat er offenbar einen anderen Weg zu sich zurück gefunden als den des Schreibens. Er bleibt jedoch ein Wörterbauer im Geiste, ohne Buchstaben und Wörter kann er nicht, das war mir ganz schnell klar.

„Alles war falsch, aber alles war auch genau so, wie es sein musste.“

Ich begann, mich um ihn zu sorgen. Verfolgte seine zunehmenden Anfälle, seine Todesangst, seine Verwirrung auf dem neuen Weg. Für mich konnte es nur zwei Möglichkeiten geben. Entweder fand der Mann wieder zu sich und zum Schreiben zurück, oder er verhedderte sich dermaßen in seiner eigenen Spirale, das sie zu seinem dramatischen Ende führte. Soweit meine Meinung – die sich automatisch während der Lektüre herauskristallisierte, und das nicht nur an dieser Stelle. Auch viele weitere Passagen warfen mein Gedankenkarussell an.
Es war herrlich, unendlich tief in diesen Roman, aber auch in mich selbst einzutauchen.

„Viele Dinge ergeben keinen Sinn, wenn man es mit Jasper Gwyn zu tun hat.“

Die Leere, die das Schreiben hinterlassen hatte, musste kompensiert werden. Was würde siegen? Genie oder Wahnsinn? Ich tendierte zunächst zum Wahnsinn, als ich Mr. Gwyns Worten lauschte, er wolle von nun an als Kopist tätig sein und Porträts schreiben. Immer gespannter verfolgte ich die akribische, manische Art des Mannes, sein zukünftiges Tun perfekt vorzubereiten. Ich fühlte mich sehr wohl in Jaspers Verwandlung, aber ein Hauch von Angst und Sorge blieben. Denn dieser Typ war mir inzwischen sehr ans Herz gewachsen. Er hatte etwas, das mich faszinierte. Aber auch die anderen Charaktere waren großartig konstruiert, in ihrer teils schlichten, teils schillernden Tiefgründigkeit.

„Es waren flüchtige Erinnerungen wie Ansichtskarten, die aus einem früheren Leben verschickt wurden.“

Sehr viel Freude schenkte mir der gediegene, facettenreiche Schreibstil Bariccos. Ein Stil, der dermaßen mit verklausulierten Weisheiten gespickt ist, dass er eine gewisse Lebenserfahrung des Autors erahnen lässt.

„Es gibt selten nur eine Wahrheit.“

Ebenso hypnotisch, wie der Kopist zunehmend seiner Tätigkeit verfiel, verfiel ich immer mehr den Worten Bariccos. Auf schrullig-liebenswerte Art weckt Mr. Gwyn in dem Leser eine große Begeisterung, im Abenteuer Leben seinen Weg zu finden. Und leicht ist er nicht, dieser Weg. Weder für Jasper Gwyn, noch für sonst jemanden. Ihn zu ergründen ist eine literarische Schnitzeljagd und ein Puzzle der Schreibkunst. Gelingt die Auflösung, dann fügen sich die beiden Teile des Romans „Mr. Gwyn“ zu einem großartigen Ganzen zusammen.

„Sie verabschiedeten sich mit einem Händedruck, und diese Geste erschien beiden von unvergleichlicher Präzision und Idiotie.“

Da der Roman nur einen Ausschnitt aus dem Leben des Jasper Gwyn beleuchtet, reißt der Erzählfaden an einer bestimmten Stelle ab. Was folgt, ist der zweite Teil des Buches, der ursprünglich später veröffentlichte Roman „Dreimal im Morgengrauen“, der ganz großartig diesen Erzählfaden wieder aufgreift. Und hier wird auch endlich meine immer größer werdende Neugierde bezüglich des Tuns des Kopisten Jasper Gwyn befriedigt.
Denn es wartet eine fabelhafte Überraschung, die auf geniale Weise den Kreis des Protagonisten schließt, gleichzeitig aber auch neue Kreise erschafft und diese auf sehr gelungene Weise miteinander verbindet. Dies alles geschieht auf eine so bezaubernd surreale Art und Weise, die mich sehr begeistert Seite um Seite verschlingenn ließ.

„Jeder ist eine Geschichte.“

Am Ende stand für mich dennoch die eine Frage aller Fragen:
Gäbe es Gwyn wirklich, mit welchen Worten würde er mich porträtieren?

Ebenfalls bleibenden Eindruck hat Mr. Gwyn auch bei vielen anderen Lesern hinterlassen.
Vanessa von Vanessas Bücherecke beispielsweise, ist ebenso begeistert wie ich. Aber auch Marcus vom Bücherkaffee findet lobende Worte und wirft weitere Aspekte in den Ring. Eine wahre Hommage nicht nur an das Buch, sondern auch den Autor, findet ihr bei Arndt von AstroLibrium!

Inhalt
Jasper Gwyn, ein berühmter englischer Schriftsteller Anfang vierzig, fasst eines Tages einen weitreichenden Entschluss. In einem Zeitungsartikel listet er 52 Dinge auf, die er fortan nicht mehr zu tun gedenkt, darunter auch: Bücher schreiben. Stattdessen beschließt er, in seinem neuen Leben als „Kopist“ zu arbeiten und Porträts anzufertigen – dies allerdings nicht mit Pinsel und Palette, sondern in geschriebener Form. Er mietet ein Atelier an, wo ihm fortan Menschen Modell sitzen, die sich später in seinen Porträts gänzlich wiederfinden werden. Bis eine junge Frau auftaucht, die sich den strengen Regeln des Kopisten entzieht.

Autor
Alessandro Baricco, 1958 in Turin geboren, studierte Philosophie und Musikwissenschaft. Er ist Mitherausgeber verschiedener Literaturzeitschriften und von La Repubblica. 1994 gründete Baricco zusammen mit Freunden die Scuola Holden, eine Privatuniversität, an der er Kreatives Schreiben unterrichtet. Neben seinen Romanen hat Baricco zahlreiche Essays, Erzählungen und Theaterstücke verfasst. Sein Roman Seide wurde zum internationalen Bestseller. Er wurde mit dem Premio Campiello, dem Premio Viareggio und dem Prix Médicis Étranger ausgezeichnet.
Quelle: Hoffmann und Campe

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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5 Antworten zu *+* Alessandro Baricco: „Mr. Gwyn“ *+*

  1. AstroLibrium schreibt:

    Ich sehe, Baricco hat dich im Netz… und es ist wundervoll, die du den Kopisten selbst ins Rampenlicht gestellt hast. Und deine Lampen sterben nicht nach vorherbestimmter Zeit.

    Herrlich…

  2. tinaherrlich schreibt:

    Das hört sich wirklich nach sooooo einem schönen Buch an! 🙂 Muss ich lesen!!

  3. Liebe Heike,

    ich habe dieses Buch schon länger auf der Wunschliste und nach deiner tollen Rezension weiß ich, dass ich es unbedingt bald lesen muss! 🙂

    Liebe Grüße
    Nicole

    • irveliest schreibt:

      Liebe Nicole, es war wirklich ein ganz besonderes Buch. Jedoch ist es oft so skurril (aber das waren bisher alle Bücher, die ich von ihm gelesen habe), dass man es auf „den Eigenbedarf“ herunterbrechen muss und wenn man das schafft, ist es ein Traum, finde ich jedenfalls!
      Liebe Grüße, Heike

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