*+* Anne Freytag: „Mein bester, letzter Sommer“ *+*

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Mein bester, letzter Sommer
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„Wer will schon mit einer 17-jährigen Jungfrau ohne Führerschein zu tun haben, die noch dazu bald sterben wird?“

Dieser Satz machte mich neugierig, trieb er mich doch während dieses Flügelschlags des Lesens durch ein wirres Gefühlslabyrinth…
Trotz, Verzweiflung, Tragik, unfreiwillige Komik, gleichzeitige Gewissheit und Ungewissheit….Hoffnung?

Tessa mochte ich von der ersten Zeile an. Das Mädchen versuchte, das große Rabenschwarz ihrer tödlichen Krankheit ganz alleine zu durchschreiten. Sie fühlte sich allein, von allen im Stich gelassen. Dass jede Medaille zwei Seiten hat, begriff sie erst viel später, gottlob aber nicht zu spät.

Zu Beginn des Buches wirkte sie wie ein karges, einsames Eiland einer ansonsten fröhlichen, bunten Inselkette. Sie fühlte sich schon jetzt mehr tot als lebendig und verhielt sich auch so. Bis sie bei einem Empfang ihrer Eltern IHN wiedersah.. IHN, den netten, jungen Mann, der ihr vor Wochen mal im Bus aufgefallen war und so viel Eindruck auf sie gemacht hatte, dass er ihr nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.

„Früher hatte ich kein Problem mit Oberflächlichkeit, jetzt ertrage ich sie nicht mehr, ganz einfach weil das Leben zu kurz ist für Worthülsen und aufgesetzte Freude.“

Nun traf sie ihn völlig unvorbereitet wieder, was auf beiden Seiten für Glücksgefühle sorgte. Langsam näherten sich Tessa und Oscar an, lernten sich kennen. Sie schienen wie gemacht füreinander, verstanden sich ohne Worte und auch ohne Tessas schwere Krankheit, die über allem wie ein Damoklesschwert schwebte, wäre ich sehr begeistert über die Sanftheit und Zartheit gewesen, mit der die Autorin das Pflänzchen der jungen Liebe hegte und pflegte.

Manchmal jedoch schien Oscar mir zu perfekt und ich dachte hin und wieder, dass hier leider das Klischee des perfekten Prinzen seinen Platz gefunden hat, aber so war es gar nicht. Denn nicht nur Tessa war vom Schicksal geschlagen, auch Oscar war es. Als er seiner Liebe endlich offenbarte, was ihm widerfahren war, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich verstand, warum er so feinfühlig und bemüht war. Ich begriff, warum er nicht gekniffen hatte, als er erfuhr, wie wenig Zeit Tessa noch verbleiben sollte. Und fand ihn und sein Verhalten gar nicht mehr klischeehaft, sondern bestürzend tragisch.

„Oscar kennt die Schleichwege in mein Herz und die Türen zu meinem Verstand. Er weiß, wo sie hinführen, und er hat die Schlüssel. Wenn man die Angst erst einmal hinter sich gelassen hat, warten neue Welten.“

Er war ein Herzensmensch und wenn ich schon Tessa die ganze Zeit über gewünscht hatte, dass es doch noch eine Möglichkeit zur Geneseung gäbe, so wünschte ich dies auch Oscar immer mehr. Er liebte Tessa wirklich, machte so manches Unmögliche möglich für sie. Er gab ihr in diesen wenigen gemeinsamen Wochen weitaus mehr an Verständnis, Geborgenheit und Liebe als manch anderer Mensch in einem langen Leben bekommt. Ich litt mit beiden, wünschte ihnen so sehr ein Wunder und eine Zukunft ohne greifbares Verfallsdatum. Aber das Schicksal wollte es anders.

Tessa konnte dank Oscar die letzten Wochen ihres viel zu jungen Lebens mehr als genießen. Sie verbrachten diese Zeit in Italien, tanzten dem Tod eine Weile auf der Nase herum. Tessa lernte zu leben und was noch viel wichtiger war, zu genießen und wertzuschätzen. Aber diese Tage brachten ihr nicht nur überbordende Freude. Die Krankheit schritt voran und brachte Schmerzen, dunkle Gedanken und Gefühle mit sich. Mit Oscar an ihrer Seite war aber alles leichter zu ertragen und Tessa schaffte es, sich mit einigen viel zu lange aufgeschobenen Themen auseinanderzusetzen und in ihrem Innneren reinen Tisch zu machen….

„Ich werde Asche sein, und es wird mich nicht kümmern, weil ich dann tot bin. Aber jetzt kümmert es mich. In diesem Augenblick macht es mich fast wahnsinnig, und ich kann nichts dagegen tun.“

Neben dieser berührenden Geschichte hat mich auch der Erzählstil sehr begeistert. Anne Freytag fängt die Vielfalt an Tessas Gefühlen und auch ihr entsprechendes inneres Chaos wirklich gut ein. Sie schildert verzweifelt, glücklich, makaber, tragikomisch, aber immer ehrlich und glaubhaft, sodass ich jederzeit nachvollziehen konnte, wie es in Tessa aussah. Aber auch wenn die anderen Charaktere in den Fokus gerieten, projizierte die Autorin deren Inneres gut auf die Buchseiten.

Apropos Charaktere: Sie sind einfach nur grandios gelungen. Sei es nun die vom Tod umschwebte Tessa, ihre große Liebe Oscar, der aus der üblen Lage das Beste aus dem Mädel und für sie herausholte oder auch Tessas Familie – alle Personen sind absolut glaubwürdig gelungen. Vor allem fühlte ich mich als Mutter sehr mit der Mutter des Romans verbunden – auch sie war eine Heldin für mich, wie sie sich ihrer Tochter gegenüber verhielt – perfekt und doch sehr lange so missverstanden…

Die Reaktionen Tessas, ihr Verhalten waren nicht nur im Hinblick auf ihre Krankheit gut gewählt, auch unter dem Aspekt ihrer Jungendlichkeit pulst die Autorin sehr nah an der Zielgruppe. Sie baute auch nette Kleinigkeiten ein, die den jungen Lesern gefallen dürften…beispielsweise überlegten sich die beiden Liebenden für bestimmte Situationen „Wie ist dein perfektes Lied für den Augenblick?“, so wie Jugendliche das sicher manchmal machen. Auch der zunehmend körperliche Aspekt, der proportional zur Verweildauer in Italien anstieg, dürfte die Jugend ansprechen.

„Es ist komisch, was passieren kann, wenn man das Leben einfach machen lässt.wenn man aufhört, jeden Schritt zu planen. Ich dachte, ich hätte die Kontrolle, aber die Kontrolle hatte mich.“

Mit „Mein bester, letzter Sommer“ habe ich nicht nur einen sehr starken Jugendroman gelesen. Ich wurde auch in meiner Überzeugung bestärkt.
Lebe bewusster! Egal ob du krank oder gesund bist, man weiß nie, was der nächste Tag bringen wird.

Inhalt
Tessa hat immer gewartet – auf den perfekten Moment, den perfekten Jungen, den perfekten Kuss. Weil sie dachte, dass sie noch Zeit hat. Doch dann erfährt das 17-jährige Mädchen, dass es bald sterben muss. Tessa ist fassungslos, wütend, verzweifelt – bis sie Oskar trifft. Einen Jungen, der hinter ihre Fassade zu blicken vermag, der keine Angst vor ihrem Geheimnis hat, der ihr immer zur Seite steht. Er überrascht sie mit einem großartigen Plan. Und schafft es so, Tessa einen perfekten Sommer zu schenken. Einen Sommer, in dem Zeit keine Rolle spielt und Gefühle alles sind …

Buch
„Mein bester, letzter Sommer“ von Anny Freytag ist im März 2016 unter der ISBN-Nr. 978-3-453-27012-1 im Heyner Verlag erschienen. Der Jugendroman umfasst 368 Seiten und ist auch als eBook erhältlich. Der Verlag empfiehlt ein Lesealter ab 14 Jahren.

Die Autorin
Anne Freytag, geboren 1982, hat International Management studiert und für eine Werbeagentur gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Die Autorin veröffentlichte bereits mehrere Romane für Erwachsene, unter anderem unter ihrem Pseudonym Ally Taylor. Mein bester letzter Sommer ist ihr erstes Jugendbuch. Anne Freytag liebt Musik, Serien sowie die Vorstellung, durch ihre Geschichten tausend und mehr Leben führen zu können.

In diesem Leben wohnt und arbeitet sie derzeit in München – wenn sie nicht gerade in ferne Länder und fremde Städte reist. Manchmal auch nur in Gedanken …
Quelle: heyne fliegt (Randomhouse Group)

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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3 Antworten zu *+* Anne Freytag: „Mein bester, letzter Sommer“ *+*

  1. Ela schreibt:

    Hallo Heike,
    danke für die Rezension, das Buch wandert auf meine Wunschliste 🙂
    Liebe Grüße,
    Ela

  2. Miri schreibt:

    Oh, ich glaube, das ist ein Buch für mich 🙂

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