*+* Irve fragt…. eine Kinderbuchlektorin (KiJu2015BuWo!) *+*

Liebe Lesefreunde,

heute habe ich einen besonderen Beitrag für euch…..

Trommelwirbel für Anja Girmscheid, die Kinderbuchlektorin der Imprints Boje und Baumhaus des Bastei Lübbe Verlags. Ich durfte sie interviewen!!!

Es ist so spannend zu verfolgen, wie ein Titel zu einem „Buch zum Anfassen“ wird…..

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

Das Copyright für alle Fotos liegt bei Olivier Favre
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Interview Anja 2.

Liebe Anja,

bei unserem letzten Verlagsbesuch haben wir dich kennengelernt und kamen nett ins Gespräch. Es war sehr aufschlussreich, über dein Aufgabengebiet zu hören und ich denke, dass auch die Leser meines Blogs es sehr interessant finden, zu erfahren, was sich hinter dem Beruf der „Kinderbuchlektorin“ verbirgt.

Daher freue ich mich sehr, dass du dich bereit erklärt hast, mir Rede und Antwort zu stehen 🙂

Aber stelle dich doch am besten erstmal vor, bevor ich dich mit Fragen bombardiere!

Du darfst mich natürlich sehr gern mit deinen Fragen bombardieren. Ich gebe mein Bestes, sie dir alle zu beantworten, und freue mich, dass du Interesse hast, mehr über meine Arbeit zu erfahren. Also, erst mal ganz kurz zu meiner Person: Mein Name ist Anja Girmscheid und ich bin Lektorin bei Boje und Baumhaus, den beiden Bilderbuch-/Kinderbuch-/Jugendbuch-Imprints bei Bastei Lübbe.

Wie wird man Lektor? Ist es ein Ausbildungsberuf bzw. ein Studium, oder kann man sich über verschiedene andere Wege dafür qualifizieren?

In den meisten Fällen hat man ein Studium absolviert (Germanistik oder ein anderes Literaturstudium, Medienwissenschaften o.Ä.) und muss anschließend ein Volontariat bei einem Verlag durchlaufen. Dort lernt man dann das eigentliche Handwerkszeug, das man in der Arbeit als Lektorin braucht. Ganz viel ist dabei learning by doing.
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Interview Anja 5War es schon immer dein Traumberuf?

Ehrlich gesagt nein. Ich habe zwar schon als Kind und als Jugendliche gern gelesen, aber als ich ganz klein war, wollte ich unbedingt Stewardess werden, weil ich unbedingt um die Welt reisen wollte. Und später war ich davon überzeugt, dass ich als Meeresbiologin Wale und Delfine erforschen müsse. Den Wunsch, Lektorin zu werden, hatte ich tatsächlich erst nach einem Praktikum, das ich während meines Studiums in einem Verlag gemacht habe. Mittlerweile kann ich aber schon sagen, dass ich in meinem Traumberuf arbeite. Und ist das nicht toll, wenn man das von sich behaupten kann?

Was fällt in das Aufgabengebiet eines Lektors?

Das Aufgabenfeld eines Lektors/einer Lektorin ist erstaunlich vielfältig. Wir lesen natürlich ganz viel, um herauszufinden, welche Bücher für unser Programm infrage kommen. Meine Freunde stellen sich das immer so vor, dass ich den ganzen Tag Tee trinkend und mit einem Buch im Schoß in einem Ohrensessel sitze und lese – aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Wenn wir einen Titel eingekauft haben, dann arbeiten wir eng mit den (deutschen) Autoren an ihren Texten, machen Vorschläge und geben Tipps, um die Geschichten (hoffentlich) noch ein Stückchen besser zu machen. Das ist eigentlich der aufregendste Teil an unserer Arbeit, denn so dürfen wir die Bücher auch ein ganz kleines bisschen mitgestalten. Und das Gleiche gilt natürlich für die Illustratoren, die die tollen Zeichnungen für unsere Bücher anfertigen. Außerdem sorgen wir dafür, dass alle Termine eingehalten werden, schließen Verträge ab, stellen die Titel auf internen Konferenzen vor und versuchen, unsere Begeisterung auch an unsere Kollegen (v.a. natürlich aus dem Vertrieb) weiterzutragen, schreiben Kurztexte für die Kataloge, gehen auf Messen, um neue Stoffe einzukaufen und, und, und. Nicht umsonst ist eine Lektorin immer auch so was wie eine Projektmanagerin!

Gibt es für die Verlage ähnlich wie im Modebereich zu Farben oder Schnitten „Trendvorgaben“ hinsichtlich Genres oder Inhalten, oder versucht jeder Verlag ganz individuell die zukünftigen Vorlieben des Lesepublikums zu erspüren?

Trends gibt’s auch in der Buchbranche. Diese rechtzeitig zu erspüren bzw. früh genug auf eine Trendwelle aufzuspringen ist natürlich das Ziel von uns allen. Seit Stephenie Meyers „Biss“-Trilogie lagen z.B. Vampirgeschichten total im Trend, davor waren es Zauberer oder magische Geschichten, später Dystopien oder Liebesgeschichten im Stil von John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Trotzdem hat jeder Verlag durchaus sein ganz eigenes, individuelles Profil. Das ist auch wichtig, denn nur so kann er sich von der Masse abheben und auf dem viel umkämpften Markt auffallen.
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Interview Anja 4
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Wie schätzt du ab, was deinen kleinen Kunden gefällt? Orientierst du dich an den Rückmeldungen der Kinderreporter, oder betreibt der Bastei Lübbe Verlag auch aufwendiger angelegte Marktforschung?

Meine Kollegen und ich versuchen, möglichst in alle Richtungen die Augen und Ohren offen zu halten. Die Kinderreporter sind dabei natürlich eine große Hilfe, denn wer kann uns besser Rückmeldung zu unseren Büchern geben als unsere Leser? Darüber hinaus betreiben wir aber auch immer wieder gezielt Marktforschung, um herauszufinden, was Kinder und Jugendliche heute lesen wollen. Zunehmend wichtiger werden für uns Online-Kanäle wie YouTube oder Blogs, denn auch so erfahren wir ungefiltert, was unsere Leser denken, was sie sich von Büchern wünschen und welche Themen sie interessieren.
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Welches war dein erstes Buch, das du ins Verlagsboot geholt hast?

An mein allererstes Buch kann ich mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern. Eines, über das ich mich besonders gefreut habe, als ich vom Lizenzgeber den Zuschlag dafür bekam, war das Bilderbuch „Die fliegenden Bücher des Mister Morris Lessmore“ von William Joyce.

Wie kommst du an die Titel, die Boje und Baumhaus (das waren doch deine Verlage? Bitte ansonsten korrigieren) auf den Markt bringt? Werden ungefragt Manuskripte eingereicht, oder gehst du gezielt auf die Suche?

Beides. Wir bekommen täglich unverlangt Manuskripte zugeschickt, die wir uns auch alle anschauen. Allerdings ist selten etwas dabei, das für uns infrage kommt. Leider. Denn aus so einem Stapel ein tolles Manuskript zu ziehen ist ein ganz besonderes Ereignis! Die meisten interessanten Stoffe bekommen wir jedoch über Literaturagenturen und von den fremdsprachigen Verlagen direkt zugeschickt.

Interview Anja 6Wenn du vermeintlich passende Titel aufgespürt hast, welche Barrieren müssen sie noch überwinden, um schließlich veröffentlicht zu werden? Wie viele der in der Erstauswahl gelandeten Bücher schaffen letztendlich den Sprung auf den Markt?

Wenn mir ein Titel gefällt, bitte ich immer mindestens eine meiner Kolleginnen, das Manuskript ebenfalls zu lesen. Und wenn wir beide überzeugt sind, überzeugen wir auch unseren Chef von der Qualität des Projektes und machen der Agentur, dem Autor oder dem Verlag ein Angebot. Wenn das Manuskript wirklich so toll ist, sind wir meistens nicht der einzige Verlag, der dafür Interesse zeigt. Und dann heißt es „kämpfen“, Vorschuss erhöhen und den Lizenzgeber davon überzeugen, dass wir genau der richtige Verlag für dieses Buch sind. Manche Verlage oder Agenturen verlangen sogar ausführliche Marketingpläne. Und das kann natürlich teuer werden. Deshalb müssen wir sorgfältig abschätzen und kalkulieren, was wir bereit sind zu investieren und wie viele Bücher wir meinen, verkaufen zu können. Denn unterm Strich soll natürlich idealerweise eine schwarze Zahl stehen.

Wenn du im Ausland auf Beutefang gehst, worauf legst du dein Augenmerk? Ist der dortige Erfolg ausschlaggebend? Lässt sich ein solcher Top-Seller blind auf Deutschland übertragen, oder gilt auch in puncto Lesen: Andere Länder, andere Sitten? – sodass du ganz andere Kriterien zu Rate ziehst?

Wenn sich ein Titel in einem anderen Land gut verkauft hat, kann das in Deutschland natürlich helfen. Denn offenbar hat das Buch dann eine gewisse Qualität, die den Lesern gefällt. Das heißt im Umkehrschluss aber leider nicht, dass ein gut verkäufliches Buch auch in allen anderen Ländern der Erde automatisch zu einem Bestseller wird. Woran das liegt, ist nicht immer klar auszumachen. Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass die Lesegewohnheiten und Geschmäcker von Land zu Land unterschiedlich sind. Interessanterweise kaufen wir übrigens die meisten Lizenzen aus dem englischsprachigen Ausland, also den USA und Großbritannien, ein.
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Interview Anja 3
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Interessant finde ich es, wie sehr sich oft Cover und Titel in den verschiedenen Ländern unterscheiden. Wie kommt es, dass ein und dieselbe Geschichte eine häufig ganz andere optische Umsetzung in Form des Covers erfährt? Sind da die Geschmäcker der verschiedenen Länder so verschieden?

Ein ganz klares Ja! Die Geschmäcker sind offenbar unterschiedlich. Es gibt Illustrationsstile, die in einem Land total super ankommen und in einem anderen komplett durchfallen.

Wie wichtig ist ein bekannter Autorenname? Gebt ihr auch Newcomern eine Chance, oder ist dies zu riskant?

Ein bekannter Autorenname hilft auf jeden Fall. Wenn ein Autor/eine Autorin im Buchhandel oder beim Leser bereits bekannt ist und gemocht wird, kann das durchaus als Qualitätssiegel fungieren und den Erfolg von neuen Büchern erleichtern. Muss aber nicht. Und ja, wir geben auch Debütautoren eine Chance – und das ganz bewusst, denn neue Autoren aufzubauen und erfolgreich zu machen, ist für einen Verlag und die Autoren etwas ganz Tolles. Außerdem muss ja jemand dafür sorgen, dass neue, junge Autoren nachkommen!
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Interview Anja 1
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Mit „Gregs Tagebuch“ habt ihr eine Reihe übernommen, die hier boomt und sich die Fans schon lange Zeit im Voraus auf die nächste Fortsetzung freuen. Gibt es auch Reihen, die lange in ihrem Land erfolgreich sind, in Deutschland aber abgebrochen müssen oder mussten?

Ja, das kommt leider immer wieder vor. Wie gesagt, eine Bestseller-Garantie gibt’s selten.

Vermutlich liest du auch privat gerne??? Mit welchen Genres kannst du dich am besten entspannen?
Wenn du ein Buch schreiben würdest, wäre es aus dem Bereich der Kinderliteratur? Oder würdest du dann ein ganz anderes Gebiet betreten wollen, oder hast es gar schon getan?

Ja, ich lese auch privat gern, am liebsten Krimis, in denen es aber nicht allzu blutig zugehen darf, und Liebesgeschichten, wenn sie nicht zu platt sind. Ein bisschen träumen darf schon sein, oder?

Ein Buch habe ich bisher nicht geschrieben, und ehrlich gesagt, überlasse ich das auch lieber den anderen. Aber wer weiß, vielleicht verspüre ich ja eines Tages doch noch den Drang, selbst den Stift in die Hand zu nehmen bzw. in die Tasten zu hauen. Dann wäre es wahrscheinlich am ehesten ein Kinderbuch.

Wie auch immer, ob vor oder hinter den buchigen Kulissen: Ich wünsche dir weiterhin bei allem, was du tust und planst, viel Erfolg!

Danke für das nette Interview! Und auch dir alles Gute!

Lieben Dank, dass ich dich so ausquetschen durfte – es war nicht nur Neugier, ich bin generell sehr wissbegierig bei allem aus der Welt der Bücher und liebe diese Blicke über den Tellerrand 🙂 – und ich hoffe, meine Blogleser hatten auch Spaß an unserem Interview!!!

Alles Gute und liebe Grüße,

Heike

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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12 Antworten zu *+* Irve fragt…. eine Kinderbuchlektorin (KiJu2015BuWo!) *+*

  1. Katja schreibt:

    Hallo und vielen Dank für das interessante Interview! Den Beruf der Lektorin finde ich sehr spannend und freue mich deshalb darüber, mehr darüber zu erfahren.

    Viele liebe Grüße und noch einen schönen Sonntag
    Katja

    • irveliest schreibt:

      Liebe Katja, dir auch einen schönen Restsonntag!
      Ja, den Beruf des Lektors finde ich auch sehr interessant und habe mich daher besonders gefreut, die Möglichkeit zu diesem Interview bekommen zu haben.
      Viele Grüße Heike

  2. packingbooksfromboxes schreibt:

    Der Frau Girmscheid kann man wahrlich Stunde um Stunde zuhören, finde ich. Habe sie zufällig vor etwa zwei Monaten auf einer Veranstaltung für Buchhändler „kennengelernt“.
    Sehr schön, dass du sie für dieses Interview gewinnen konntest und vielen Dank 🙂 !
    Einen schönen Lesesonntag und beste Grüße,
    Vanessa

  3. Miri schreibt:

    Ein sehr interessantes Interview zu einem tollen Beruf. Ich hatte lange Zeit darüber nachgedacht Lektorin zu werden und manchmal frage ich mich heute noch, ob das nicht eigentlich mein Traumberuf wäre…

  4. literatwo schreibt:

    Superduperklasse Interview! Ein interessanter Einblick in die Lektorinnenwelt.

    Liebe Grüße und weiter so. Bini

  5. tinaherrlich schreibt:

    Hallo Heike,

    wie du wahrscheinlich gemerkt hast, kommentiere ich heute wie wild auf deinem Blog. 🙂 Ich bin nämlich in den letzten Tagen nicht zum Bloggen oder Blog-Lesen gekommen, da meine Männer beide Geburtstag hatten und dies auch fleißig gefeiert haben. Jetzt habe ich ein bisschen Nachholbedarf. 😉

    Das Interview mit Frau Girmscheid ist wirklich hochinteressant und spannend zu lesen. Ich find´s klasse, dass du dem wunderschönen Lektoren-Beruf einen Beitrag in deinen KiJuBuWo gewidmet hast. 🙂 Und Anja Girmscheid scheint ja echt eine ganz Nette zu sein.

    Liebe Grüße
    von Tina

    • irveliest schreibt:

      Ja, das war auch ein echter Glücksgriff, dass sie sich zur Verfügung gestellt hat! Und mit diesem Beruf liebäugele ich auch immer noch ein wenig, wobei ich nicht wirklich firm in der neuen Rechtschreibung bin und auch gar nicht wüsste, wie ich an so einen „Zucker-Job“ kommen sollte.
      Liebe Grüße Heike

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