*+* Antonia Michaelis: „Paradies für alle“ *+*

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Paradies für alle1
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Liebe Lesefreunde,

David ist verunglückt und liegt im Koma. Als die Eltern davon erfahren, gehen sie völlig unterschiedlich damit um. Claus, der Vater, findet einen rationalen Weg und versucht von Anfang an, den Schmerz nicht an sich heranzulassen.
Lovis, die Mutter, ist emotional am Ende, hadert mit dem Schicksal und kommt mit der Art ihres Mannes immer weniger zurecht. Sie verschließt zudem die Augen vor der Realität und geht mit kindlicher Logik an die Situation heran. Wenn sie doch nur wüsste, warum ihr Sohn abends in fremder Kleidung auf der Autobahn stand – denn dort passierte der verhängnisvolle Unfall Davids – wenn sie dieses Geheimnis würde lösen können, dann würde ihr Sohn ganz sicher aus dem Koma erwachen und alles wäre wieder gut.

Ich hätte es ihr so gewünscht – ich habe selbst zwei Kinder und mag gar nicht daran denken, wie ich mich bei einem solchen Horror fühlen würde – obwohl Lovis mir zu Beginn des Romans sehr unsympathisch war. Die Art ihres Mannes kam mir da sehr viel mehr entgegen und er tat mir noch mehr leid. Denn er drohte sein Kind zu verlieren…und die Liebe seiner Frau, denn die war immer weniger nett zu ihm und ihr Verständnis für seinen Realismus schwand mehr und mehr.

Lovis entwickelte sich glücklicherweise sehr im Laufe des Romans. So verzweifelt sie auch war, ebenso verbissen und hartnäckig verfolgte sie ihr Ziel, die Hintergründe, die zu diesem tragischen Unfall geführt hatten, zu erfahren – und es gelang ihr. Dabei kam ihr der Zufall zur Hilfe. Lovis fand Davids Aufzeichunngen, ein ganz spezielles Tagebuch. Dieser Junge mit einem ❤ aus purem Gold wollte die Welt retten. Er hatte eine Theorie, die nicht von der Hand zu weisen war. Nur leider hat er seine Gedanken nicht konsequent zu Ende gebracht, wie Lovis später feststellen musste.

Ihr Sohn war vor dem Unfall so feinfühlig und hatte einen starken Gerechtigkeitssinn. Er wollte das Paradies für alle. Schrieb dafür umfasende Pläne, kümmerte sich, im Schlepptau immer dabei seine Freundin Lotta. David, selbst hochbegabt, machte keine Unterschiede zwischen den Menschen. Wer unglücklich war, kam auf seine Liste, ohne den kleinsten Hauch von Schubladendenken oder Naserümpfen.

Durch die umfassenden Aufzeichnungen bekommt der Leser ein klares Bild von dem Jungen. Ich mochte ihn sofort. Er war nicht nur klug, sondern auch überdurchschnittich sympathisch und empathisch. David war selbstlos und gerecht – und hatte ein Faible für Fremdwörter. Deren nicht immer korrekte Benutzung sowie einige andere nette Kleinigkeiten entlockten mir immer wieder ein Schmunzeln inmitten aller Dramatik. David war ein Engel auf Erden und perfekt…bis auf den einen Fehler, den er machte.

Ab einem bestimmten Punkt habe ich den Roman als ein wenig zu dick aufgetragen empfunden. Denn zum Verständnis für Davids Anliegen und Plan war diese Dramaturgie gar nicht notwendig. Lovis und ich haben auch so die Notwendigkeit und Genialität vom paradiesischen Plan erfasst – auch ohne den verhängnisvollen Denkfehler des Jungen.

Dennoch ist das Buch für mich ein Schatz an wohlwollendem Gedankengut. Denn es zeigt, wie wichtig menschliche Wärme und ein faires Miteinander über alle Grenzen hinweg sind. Theoretisch ist das Paradies für alle möglich. Es reicht aber nicht, wenn nur eine Handvoll Menschen an derem Gelingen arbeiten.
Vielleicht sollten wir wieder häufiger die Welt aus Kindersicht betrachten. Der Autorin ist es ganz phantastisch gelungen, sich in die Wahrnehmung aus der kindlichen Perspektive zu versetzen. Die Ausführungen in Davids Tagebuch waren überzeugend, sehr rührend und oft so präzise und von einer ganz eigenen Wahrheit geprägt, wie sie wohl nur ein Kind erfassen kann.

Inhalt
Das Paradies ist machbar, glaubt der 9-jährige David. Man müsste nur das Geld ein wenig umverteilen. Oder die Kühe von nebenan freilassen, die noch nie auf der Weide waren. Dass David begonnen hat, seine oft wilden Pläne in die Tat umzusetzen, erfährt seine Mutter Lovis erst, als er nach einem Unfall im Koma liegt. Sie findet seine Aufzeichnungen und beginnt zu kämpfen: um ihren Sohn, um ihre zerrüttete Ehe und um das Paradies auf Erden, das zu scheitern droht.

Buch
„Paradies für alle“ von Antonia Michaelis ist im August 2015 unter der ISBN-Nr. 978-3-426-51270-8 als Taschenbuch im Droemer Knaur Verlag erschienen. Der Roman umfasst 480 Seiten und ist auch als eBook erhältlich.

Autorin
Antonia Michaelis, 1979 geboren, begann bereits als Kind zu schreiben. Sie ist eine renommierte Autorin von zahlreichen Büchern und Theaterstücken für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Ihr Roman „Der Märchenerzähler“ wurde für den Deutschen Jugendbuchpreis und den Buxtehuder Bullen 2012 nominiert. Antonia Michaelis lebt mit ihrer Familie in einem Dorf nahe der Insel Usedom.
Quelle: Droemer Knaur Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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