*+* Melanie Raabe: „Die Falle“ *+*

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Liebe Lesefreunde,

immer wenn ein Buch entweder vom Verlag, oder von den Lesern – oder von beiden – in den Himmel gelobt wird, bin ich sehr skeptisch. Ich musste leider die Erfahrung machen, dass ich dem Hype oft nicht zustimmen konnte…oft, aber nicht immer.

Die Falle“ von Melanie Raabe bildet eine rühmliche Ausnahme. Ich begann mit dem Lesen und wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich diesen Thriller gerne in einem Rutsch durchgelesen.

Unterbrechungen akzeptierte ich nur äußerst unwillig – und nutzte sie, um mein Gedanken-Karussell ordentlich zu befeuern.

Linda, die weibliche Hauptperson, ist vor vielen Jahren wenige Minuten zu spät gekommen, um ihre Schwester möglicherweise vor dem Tod zu bewahren. Aber als Linda in Annas Wohnung stand, konnte sie nur noch die Blutlache sehen, in der ihre Schwester lag und – was mich ganz besonders geschockt hat – das Gesicht des Täters. Für einen kurzen Moment, bevor dieser fliehen konnte.

Wie sehr Linda dieses Erlebnis traumatisiert hat, zeigte sich in der nächsten Zeit. Sie, die erfolgreiche Roman-Autorin zog sich solange Schritt für Schritt zurück, bis sie schließlich in selbst gewählter Isolationshaft in ihrer Villa am Starnberger See lebte. Alle sozialen Kontakte finden seitdem virtuell oder in ihrem Anwesen statt. Linda selbst verlässt nicht für einen Schritt das Haus.

Wem das zu krass vorkommt, kann ja mal versuchen, sich möglichst tief in Linda hineinzuversetzen. In ihr Erlebnis in der Wohnung der sterbenden Schwester. Ich kann mehr als gut nachvollziehen, dass da viele Sicherungen durchgebrannt sind und möglicherweise einiges in ihrem Gehirn umprogrammiert wurde. So etwas steckt man nicht einfach weg, überwindet es wahrscheinlich nie und ich habe mich gewundert, wie gut Linda sich in ihrer extremen Lebensform im Griff hat.
Sie hat dem Mörder ins Gesicht geschaut – mir blieb schon beim Lesen das Herz stehen – und hat dann den Mumm, nachts allein in ihrer Villa zu sein? Hut ab!

Linda hatte sich schon nach wenigen Seiten sehr tief in mein Leseherz gegraben und ich empfand sehr mit ihr. Dieses Gefühl steigerte sich noch weiter, als die Autorin durch Zufall im Fernsehen den damaligen Täter erkannte. Wer dies anzweifelt, weil Linda ihn ja nur ganz kurz gesehen hat und das vor so langer Zeit, der sollte bedenken, dass sich manche Anblicke so tief in die Erinnerung einbrennen, dass ein Irrtum ausgeschlossen ist. Ich fand die Sicherheit, die Linda empfand, als sie den Mörder im Fernsehen sah, als sehr plausibel und bekam ein ganz komisches Gefühl.

Im Vergleich zu dem, was ab dem Zeitpunkt passiert, als sie plant, den Täter in die Falle zu locken, war das bisher Geschehene trotz allem nur ein harmloses Vorgeplänkel. Linda bereitet sich akribisch vor, begibt sich in Gefahr, setzt alles auf eine Karte und kommt zu einem Ergebnis, welches sich aber nicht als belegbar erweist. Nun wird eine neue Falle geplant, ebenso akribisch und bis ins kleinste Detail ausgearbeitet…..In mir kribbelte es vor Anspannung und Aufregung, ich vergaß das Atmen und konnte nicht glauben, was ich da las.

Die Autorin hat es perfekt geschafft, mich zu verwirren und ließ mich zu guter Letzt nach der fantastischen und lückenlosen Auflösung beim Zuschlagen des Buches mit größter thrilleriger Begeisterung zurück.

Ich bin absolut geflasht, wie man mit so wenigen Protagonisten und so wenigen Schauplätzen einen solch grandiosen Thriller erschaffen kann. „Die Falle“ lässt sich in keiner Schublade ablegen. Ich lese sehr viel, aber dieser Stil ist mir neu, bzw. dieser Stilmix. Neben der bereits erwähnten spartanischen Ausstattung an Orten und Personen hat mich die eindringliche, schnörkellose Schreibweise sehr gefesselt. Der Blick aufs Detail, aufs Wesentliche. Vor allem der Einblick in Lindas Seelenleben und Gefühlswelt ist grandios gelungen. Teilweise erfährt der Leser zwar von ihren Gedanken, aber zu einem weit größeren Teil nimmt man Anteil an Lindas Schicksal und auch an den Geschehnissen von damals durch einen zweiten Erzählstrang. Denn Melanie Raabe streut regelmäßig Kapitel ein, die aus Lindas geschriebenem Thriller entstammen. Dieser ist einerseits Bestandteil der sorgsam errichteten Falle, andererseits spiegelt er den damaligen Mord an Anna und allem, was danach folgte, exakt wider. Durch dieses zweiperspektivische Erlebnislesen erhält der Thriller zusätzliche Abwechslung und Spannung.

Bitte lest „Die Falle“ langsam, denn sie kann ihre volle Wirkung nur entwickeln, wenn ihr die Worte in euch hineintropfen lasst. Leseflug ist hier effektmindernd.

Viel Spaß bei diesem etwas anderen und dennoch genialen Thriller, der vom Verlag allerdings als Roman eingestuft wurde.

Inhalt:
Die berühmte Bestsellerautorin Linda Conrads lebt sehr zurückgezogen. Seit elf Jahren hat sie ihr Haus nicht mehr verlassen. Als sie im Fernsehen den Mann zu erkennen glaubt, der vor Jahren ihre Schwester umgebracht hat, versucht sie, ihm eine Falle zu stellen – Köder ist sie selbst.

Zum Buch:
„Die Falle“ von Melanie Raabe ist im März 2015 unter der ISBN-Nr 978-3-442-75491-5 im btb Verlag erschienen. Der Roman umfasst 352 Seiten und ist auch als Ebook und Hörbuch erhältlich.

Zur Autorin:
Melanie Raabe wurde 1981 in Jena geboren, wuchs in einem 400-Seelen-Dorf in Thüringen und einer Kleinstadt in NRW auf, studierte Medienwissenschaft und Literatur in Bochum und lebt inzwischen in Köln – als Journalistin, Drehbuchautorin, Bloggerin, Performerin und Theaterschauspielerin. Sie betreibt ihren eigenen Interview-Blog (www.biographilia.com) und erhielt bereits mehrere Preise für ihr Schreiben. Die Rechte an ihrem Roman „Die Falle“ wurden bereits vor Erscheinen international verkauft, u.a. nach Frankreich, Italien, die Niederlande, Spanien und das englischsprachige Ausland.
Quelle: Random House

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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3 Antworten zu *+* Melanie Raabe: „Die Falle“ *+*

  1. Ela schreibt:

    Würde ich „die Falle“ nicht bereits kennen, hätte ich sie spätestens JETZT nach Deiner Rezi gehört oder gelesen! 🙂

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