*+* Jürgen Rath: „Nordhörn“ *+*

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Nordhörn

Liebe Lesefreunde,

wenn ihr ein Buch lest, springt doch bestimmt hin und wieder euer Kopfkino an, oder? Bei mir ist das manchmal so. Nun ist es mir zum ersten Mal passiert, dass mein innerer Film in schwarz-weiß ablief….irre, oder?

Da hat der Autor ganz Arbeit geleistet! Er hat die Stimmung seines Krimis so lebendig, dabei aber auch so düster gezeichnet, dass sich dieses Grauen vor meinem inneren Auge schon nach ein paar Seiten verselbstständigt hat.
Jürgen Rath hat mit Nordhörn einen ziemlich unblutigen Insel-Krimi geschaffen, der trotzdem mit einem sehr gut durchdachten, soliden Spannungsbogen aufwarten kann. In zwei Handlungssträngen erzählt er die Geschichte von Steffen Stephan, der für drei Monate als Archivar auf die Nordsee-Insel abberufen wurde, um das dortige Material vorschriftsmäßig zu erfassen. Steffen war nicht der erste, dem diese Aufgabe zufiel……sein Vorgänger verstarb auf sehr dubiose Weise und schnell wurde dem neuen Archivar klar, dass auch sein Leben in Gefahr sein könnte.

Aber war es das wirklich? Oder verwechselte Steffen seine Angst mit der Tatsache, dass die Insulaner den Festländern generell nicht sehr gewogen sind und ihnen gerne ordentlich das Leben schwer machen?

Der zweite Handlungsstrang spielt sich im November 1938 an Bord eines überladenen Frachters ab. Er strandete während eines Sturms vor Nordhörn. Hier spielt der Autor, gelernter Seemann mit Kapitänspatent sowie Schifffahrtshistoriker, sein Wissen aus. Auch für Laien gut verständlich hat er die Szenen auf dem alten Frachter fachmännisch beschrieben. Um dennoch mögliche Unklarheiten auszuräumen, schließt ein recht umfangreiches Glossar diesen Nordsee-Krimi ab.

Zunächst ist nicht erkennbar, was das Schicksal des Schiffes und seiner Mannschaft mit Steffens Situation auf Nordhörn zu tun hatte. Schließlich geht er seiner Tätigkeit gut 20 Jahre später, im Winter 1959, nach.

Der feine Faden der Ahnung, der zunächst kaum merklich in mir aufblitzte, verfestigte sich mit jedem Einspieler des Frachters immer mehr. Obwohl mir immer klarer wurde, was und vor allem warum diese Dinge passiert sind, blieb der Name des Täters bis kurz vor Schluss ungewiss.

Sehr gut gelungen ist dem Autor die Schaffung des Insel-Feelings. Ich war noch nie auf Nordhörn, konnte mir die verschiedenen, beschriebenen Orte und Landschaftsabschnitte aber sehr gut vorstellen. Vor allem als dicke Eismassen die Insel vom Festland abgeschnitten hatten und Steffen auf Nordhörn seinem Jäger ausgeliefert war….
Zur besseren Veranschaulichung geht eine Übersichtskarte der Insel dem Krimi voran.

Auch die Mischung der Charaktere passte gut in den Kriminalroman. Sie waren durchweg glaubwürdig, wenn auch nicht immer sehr tief konstruiert. Lediglich Steffens theoretische und auch praktische Unentschlossenheit in Bezug auf die Inseldamen irritierte mich jedoch und lenkte vom Krimi ab.
Ansonsten gefiel mir sehr, wie treffend die schrullige Art der alteingesessenen Insulaner eingefangen wurde.

Nordhörn ist ein oberflächlich ruhiger Krimi, dessen wahre Stärke sich in tieferen Fahrwassern abspielt. Wer es eher unblutig mag, aber dennoch einen klugen Spannungsbogen zu schätzen weiß, könnte an den Insel-Krimis von Jürgen Rath Gefallen finden.

Auch die nächsten Erlebnisse von Steffen Stephan, dieses Mal auf Amrum, sind ähnlich konstruiert. In der nächsten Woche werde ich über eben diesen Krimi „Die Namenlosen von Amrum“ berichten!

Inhalt:
Nicht gerade eine Traumaufgabe für Aushilfsarchivar Steffen Stephan: das verlotterte Archiv der Inselgemeinde Nordhörn auf Vordermann bringen. Im Winter. Auf einer sturmumtosten Nordseeinsel, auf der das Wirtschaftswunder auch 1959 immer noch nicht angekommen ist. Wenn wenigstens die Einheimischen etwas zugänglicher wären. Aber nein, irgendwie scheint sich hier jeder davor zu fürchten, dass Stephan im Archiv etwas Belastendes entdeckt. Als er erfährt, dass sein Vorgänger vor drei Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen ist, wird ihm langsam mulmig. Doch als pflichtbewusster Beamter macht Stephan unbeirrbar weiter. Bis die Verbindung zum Festland vom Eisgang unterbrochen wird und die Feindseligkeit in offene Gewalt umschlägt. Stephan wird gejagt. Auf einer Insel!

Zum Buch:
Nordhörn von Jürgen Rath ist im April 2012 unter der ISBN-Nr. 978-3-86680-964-2 im Sutton Verlag erschienen. Der Nordsee-Krimi umfasst 272 Seiten und ist auch als Ebook erhältlich.

Zum Autor:
Jürgen Rath, gelernter Seemann mit Kapitänspatent, promovierter Historiker und Personalmanager, hat sich im vergangenen Jahrzehnt einen Namen als Schifffahrtshistoriker und Sachbuchautor gemacht. In seinem ersten Kriminalroman „Nordhörn“ beweist der Hamburger neben profunder Sachkenntnis sein großes erzählerisches Talent.

Quelle: Sutton Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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11 Antworten zu *+* Jürgen Rath: „Nordhörn“ *+*

  1. Nordhörn – lange ist es her, dass ich dieses Buch gelesen habe. Aber soviel weiß ich noch: Es konnte mich überzeugen.

    LG,
    Heidi, die Cappuccino-Mama

  2. Shaakai schreibt:

    Den Roman las ich auch vor einiger Zeit im Rahmen einer Leserunde. Er war wirklich mal etwas anderes als die immer wiederkehrenden blutgetränkten Kriminalfälle, in denen harte Ermittler bösen Buben nachjagen.

    Viele liebe Grüße

    Shaakai

    • irveliest schreibt:

      Kennst du auch „Die Namenlosen von Amrum“ vom selben Autor? Ist auch wieder sehr individuell, mir hat´s ebenso gut gefallen wie Nordhörn.

      • Shaakai schreibt:

        Nein, ich habe nur durch die Erwähnung des Titels in Deiner Besprechung davon gehört. An sich müßte ich es mal lesen, schon allein, um die Reise weiter über diese kleinen Inseln fortzusetzen. Weißt Du, ob er noch mehr Bücher dieserart plant?

      • irveliest schreibt:

        Du, keine Ahnung, aber ich kann mal nachfragen 🙂

  3. zimttraeumereien schreibt:

    Ich mag diese subtilen und unblutigen Krimis gern 🙂 klingt nach einem spannenden Buch, das ich mal im Auge behalten werde 🙂

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