*+* Kamila Shamsie: „Die Straße der Geschichtenerzähler“ *+*

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Liebe Lesefreunde,
heute stelle ich euch den historischen Roman „Die Straße der Geschichtenerzähler“ von Kamila Shamsie vor. Es ist ein Buch fernab des Mainstream und über weite Strecken fand ich es sehr unbequem und schwierig zu lesen. Ebenso schwer fällt mir nun die Besprechung des Buches.

Denn ich frage mich noch immer, welche Intention die Autorin hatte, es zu schreiben. Ging es ihr darum, die schwierige politische Situation von Großbritannien und Britisch-Indien darzustellen und uns schlussendlich von dem grausamen Massaker in Peschawar zu berichten?
Sollten die schweren und ungerechten Zustände der Frauen in Peschawar angeprangert werden?
Oder ging es ihr mehr um den Zauber der Archäologie?
Welche Bedeutung hatte der Stirnreif des Skylax, der in der Vorgeschichte erwähnt wurde, und deren Suche für zwei der drei Hauptprotagonisten zum Dreh- und Angelpunkt des beruflichen Lebens wurde ? Er war offenbar nur Mittel zum Zweck, was ich sehr schade fand. Denn die ersten Eindrücke zum Buch waren bei mir sehr stark von der Geschichte dieses Skylax geprägt, man erfährt zwar immer mal wieder einige eingeworfene Infos, aber eigentlich hat er nicht den Stellenwert erhalten, als man anfangs annehmen musste.
Ebenfalls irritiert bin ich vom Titel des Buches. „Die Straße der Geschichtenerzähler“, der mir großzügiges orientalisches Flair suggeriert hat. Jedoch wurde hier der literarische Ball recht flach gehalten und lediglich einige Badalas der Geschichtenerzähler eingestreut. Das orientalische Feeling war bei mir so gut wie nicht vorhanden. Die Erwartungen, die der Rückentext in mir weckte, wurden nicht erfüllt.

Der deutsche Titel wurde gewählt, weil diese Straße der Schauplatz des bereits erwähnten Massakers im Jahr 1930 war. Mir persönlich gefällt der Originaltitel besser: „Ein Gott in jedem Stein“, der die Archäologie, die ein beachtliches Thema des Romans darstellt, in den Vordergrund stellt.

Die Straße der Geschichtenerzähler“ ist geschichtlich großartig recherchiert – jedoch fehlt dem gemeinen Leser ein ordentlicher Schuss Hintergrundwissen, um die politischen, geografischen und gesellschaftlichen Verwebungen der unterschiedlichen Länder, Gebiete und Stämme, die in die Handlungen involviert sind, zu verstehen. Da wären Hintergrundinformationen in Form eines umfangreichen Glossars oder eines Abrisses der entsprechenden helfenden Vorkenntnisse eine wunderbare Ergänzung gewesen.

Da die Erzählung mit keiner Liebesgeschichte aufwarten konnte, rutschte das Buch bei mir mehr und mehr in die Kategorie historisches Sachbuch, was der überwiegend unpersönliche, objektive und beschreibende Schreibstil noch unterstrich.

Zu Beginn waren Charaktere und Handlung noch recht lebendig und greifbar, sodass ich gut ins Buch kam. Es fiel mir nicht schwer, die Hauptprotagonisten kennen- und verstehen zu lernen – ich konnte ihr aller Handeln meist nachvollziehen.

Dennoch verlor ich zunehmend den roten Faden, der seinen Ursprung in der Vorgeschichte nahm. Über weite Strecken des Buches trat er innerhalb der Erzählung durch die immer massiveren Probleme zwischen Großbritannien und Britisch-Indien zunehmend in den Hintergrund.

Sehr interessant fand ich es, das Thema des Ersten Weltkriegs mal nicht aus deutscher oder rein europäischer Sicht zu sehen, sondern einen Blick über den Tellerrand gewährt zu bekommen.
Die Hauptgeschichte erstreckt sich über einen Zeitraum von 16 Jahren, in denen viel passiert ist und die politische Stimmung sich sehr veränderte. Ich fand es ganz großartig, wie die Autorin das Stilmittel der wechselnden Schreibstile zur Unterstreichung ebendieser Stimmungen eingesetzt hat!

Leider konnte mich die Schreibe meist nicht für sich gewinnen. Nur zu Beginn verhalf sie mir, in die Geschichte einzutauchen. Nachdem ich mir eine lange Lesezeit lang eher langsam und vorsichtig meinen Weg durch das Buch gebahnt hatte, überraschte mich Kamila Shamsie mit ihrem sehr bewegenden und lebendigen Finale. Endlich riss der Vorhang der erzählerischen Lethargie auf, der Leser erhielt einen umfassenderen, mehrdimensionalen Blick auf das Kampfgeschehen vor Ort und auf die Situation des Volkes.

Infos zum Buch:
Die Straße der Geschichtenerzähler“ von Kamila Shamsie ist im März 2015 unter der ISBN-Nr. 978-3-8270-1228-9 im Berlin Verlag erschienen. Der Roman umfasst 384 Seiten und ist auch als Ebook erhältlich.

Inhalt:
Juli 1914. Über antike Pflastersteine, unter Feigen und Zypressen hindurch, läuft Vivian Rose Spencer eilig den Hang hinauf und stolpert fast unversehens in ihre erste Entdeckung. Tahsin Bey, ein Freund ihres Vaters, hat die junge Engländerin eingeladen, an Ausgrabungen in der Türkei teilzunehmen. Hier, im sagenhaften Labraunda, lässt sie die strengen Konventionen ihrer Heimat weit hinter sich und wird auch Tahsin Bey auf ganz neue Weise begegnen.
Juli 1915. Der Krieg hat alles verändert. Vivian folgt einer Spur ihres verschwundenen Geliebten, als sie in einem Zug nach Peschawar den jungen, im Krieg verwundeten Paschtunen Qayyum Gul trifft. Beide ahnen nicht, dass ihre Geschicke sich auf immer verbinden und sie eines Tages, auf der Straße der Geschichtenerzähler, wieder zusammenführen werden.

Der Geruch nach Tabak, Erde und Feigen, das strahlende Licht Kariens – Kamila Shamsie hat einen ebenso sinnlichen wie fesselnden Roman über Liebe und Verrat, über Unterdrückung und das Streben nach Freiheit geschrieben. »Die blühenden Gärten Peschawars sind so gegenwärtig wie die Feuerwehrleute, die das Blut von den Straßen des Quissa Khawani Basars spritzen. Shamsies bedingungslose Neugier – wie entstehen Weltreiche, wie zerfallen, wie verschwinden sie – hebt »Die Straße der Geschichtenerzähler« weit aus der Masse der Bücher heraus.« The Guardian

Über die Autorin:
Kamila Shamsie wurde 1973 in Karatschi, Pakistan, geboren und lebt in London und Karatschi. Im Berlin Verlag erschienen bisher »Kartographie« (2004), »Verbrannte Verse« (2005), »Salz und Safran« (2006) und »Verglühte Schatten« (2009). Shamsie schreibt regelmäßig für den »Guardian« und erhielt für ihr literarisches Werk zahlreiche Preise, u.a. wurde sie 2013 als »Granta Best of Young British Novelists« ausgezeichnet.

Quelle: Berlin Verlag

Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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3 Antworten zu *+* Kamila Shamsie: „Die Straße der Geschichtenerzähler“ *+*

  1. bookwives schreibt:

    Unsere Rana fand das Buch auch nicht so einfach zu lesen. Es hat ihr aber gut gefallen.

  2. Pingback: *+* Wochenshow #19 *+* | Irve liest...

  3. Pingback: Daggis Welt » Blog Archive » Daggis Buch-Challenge 2015 – das war der Juni

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