*+* Nathan Filer: „Nachruf auf den Mond“ *+*

10-2Liebe Lesefreunde,
dieses Buch lässt mich ein wenig ratlos zurück und das wundert mich gar nicht, wenn ich mir seine Thematik vor Augen führe. Der Roman wurde aus Sicht eines 19-jährigen Schizophrenen geschrieben. Da kann man einfach nicht alles bis ins kleinste Detail verstehen….
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Matthew ist 19 Jahre alt und verbringt seine Tage – sofern er sich nicht eigenmächtig aus der Therapie entlassen hat – in einer Tagesklinik, in der er seine Medikation erhält und die Zeit totschlägt. So hat es sich ergeben, dass er dort begonnen hat, aus Langeweile seine Geschichte aufzuschreiben..

Über die Vergangenheit nachzudenken ist wie Gräber aufzubuddeln.“.

Dreh- und Angelpunkt für seine Situation ist der tragische Unfalltod seines kranken Bruders Simon und den Folgen daraus – nicht nur für Matt, der sich die Schuld an dem Unglück gibt und nicht mit dem Thema abschließen kann. Ob dies oder etwas anders der Grund dafür ist, dass Simon seinem Bruder erscheint, habe ich nicht erfahren, aber es passierte je nach den Umständen mal seltener oder häufiger.
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„Am Abend vor seinem 13. Geburtstag hörte ich meinen toten Bruder in seinem Zimmer spielen. Ich wurde immer besser darin, ihn mir vorzustellen.“

Matt erzählt dem Leser, wie sich sein Leben seit dem Verlust des Bruders entwickelt hat. Dabei geht er nicht logisch oder chronologisch vor. Sein roter Faden verschlingt sich oft, weil ihm immer wieder Begebenheiten einfallen, die zu den beschriebenen Szenen passen und so verirre ich mich gemeinsam mit ihm in einem verknoteten Knäuel an unsicheren Erinnerungen und Gefühlen.
Ich hatte bei der Lektüre nicht das sonst übliche Lese-Feeling, es war mir eher als ob ich mit Matt in einem Café sitze und er mir bei Kaffee und Torte über sein Leben erzählt….von Höcksken auf Stöcksken, immer hin und her…
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Das liegt einerseits sicher an seiner Krankheit, die es ihm oft schwer macht, zwischen Realitiät, Fiktion und Wunschdenken zu unterscheiden. Andererseits hat Matt seine Geschichte an verschiedenen Orten mit wechselnden Schreibgeräten niedergeschrieben. Dies ist optisch sehr gut im Buch umgesetzt und macht das Chaos um den jungen Mann etwas greifbarer..

Ich kann die Realität nur so beschreiben, wie ich sie sehe. Ich gebe mein Bestes und verspreche, mich auch weiterhin zu bemühen. Hand drauf.“

Erschreckend für mich waren die Einblicke in den Ablauf der Kliniken, in denen Matt einige Zeit verbringen musste. Die Versorgung, die Verwahrung, die Gemeinschaft mit anderen psychisch Kranken, die Massenabfertigung – trotz aller Bemühungen des Personals….
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Wie kann man gesunden, oder sich wenigstens besser fühlen, wenn er sich alleine fühlt und zu Tode langweilt?
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Matts Fluchten aus diesem Leben heißen Zeichnen und seine Geschichte aufschreiben, aber das, was er am meisten möchte, ist bei seinem Bruder zu sein. Bei Simon, den er so sehr liebt, dessen Lachgesicht ihn immer an den Mond erinnert.
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Alles lief für mich auf die spannende Entscheidung hinaus, was Matthew mehr wollte: Sich in den Erinnerungen fallenlassen und viel Zeit mit Simon verbringen, oder mutig genug sein, um sein Leben in den Griff zu bekommen..

Ich ließ mich von den Verbindungen ablenken, überall entdeckte ich sie, denn wir sind alle aus demselben Stoff gemacht, aus interstellarem Staub; ein kleines Mädchen und eine Puppe, das Salz in der Luft, der Regen, der meine Kleider durchweicht.“

Sehr verwirrend fand ich die Sprünge zwischen Zeit und Raum, zwischen Realität und Fiktion. Die Bereiche sind oft nicht klar voneinander abgegrenzt, sodass ich oft etwas hinterherhinkte und manche Stellen nicht verstand, weil ich den gedanklichen Sprung nicht bemerkt hatte.
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„Nachruf auf den Mond“ hat ein offenes Ende. Ich habe die Entwicklung zum Schluss hin eher als positiv empfunden. Das kann aber nicht über die den ganzen Roman über unterschwellige deprimierende und drückende Stimmung hinwegtäuschen. Ich bin sehr berührt – negativ – wie hoffnungsarm und düster meine Lesestimmung bei Matts Geschichte war. Trotz seiner Behandlung ist alles emotional sehr schwer für ihn. In den Phasen der Klinikaufenthalte wirkte er so leer und tot auf mich, fast wie eine Hülle, die etwas ummantelt, was gar nicht wirklich Matt ist.

An dieser Stelle möchte ich meine Geschichte verlassen, denn auf diese Stelle bin ich besonders stolz. Was aber kein richtiges Ende wäre. Meine Geschichte hat kein Ende. Kein richtiges. Wie könnte sie zu Ende sein, wenn ich noch da bin und weiterlebe?“
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Inhalt:
Der Überraschungserfolg aus Großbritannien: Ausgezeichnet mit dem Costa Book Award 2013.
»Ich werde Ihnen erzählen, was passiert ist, denn bei der Gelegenheit kann ich Ihnen meinen Bruder vorstellen. Er heißt Simon. Ich glaube, Sie werden ihn mögen. Wirklich. Doch in ein paar Seiten wird er tot sein. Danach war er nie mehr derselbe.«
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Matthew Homes ist ein begnadeter Erzähler, und Patient der Psychiatrischen Klinik in Bristol. Um dort dem trostlosen Alltag zu entfliehen, schreibt er seine Geschichte auf – und die seines Bruders Simon, der im Alter von elf Jahren während des Campingurlaubs in Cornwall starb. Selbst nach zehn Jahren gibt sich Matthew immer noch die Schuld am Unfalltod seines Bruders. Doch eigentlich ist Simon für ihn gar nicht tot – und Matthew auch kein gewöhnlicher 19-Jähriger. Matthew leidet an Schizophrenie …
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Zum Buch:
„Nachruf auf den Mond“ von Nathan Filer ist im März 2015 unter der ISBN-Nr. 978-3-426-28124-6 im Droemer-Knaur-Verlag erschienen. Es umfasst 320 Seiten und ist auch als eBook sowie als Hörbuch erhältlich.
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Zum Autor:
Nathan Filer ist ehemaliger Krankenpfleger der Psychiatrischen Klinik in Bristol und heute als Schriftsteller, Dichter und Filmemacher tätig. Zudem unterrichtet er Creative Writing an der Bath Spa University. „Nachruf auf den Mond“ ist sein erster Roman, für den er verschiedene Preise gewann: u.a. den renommierten Costa Book Award und den Betty Trask Prize für das beste Debüt. Filer lebt mit seiner Frau und seiner Tochter in Bristol.
Mehr über den Autor unter http://nathanfiler.co.uk/

Quelle: Droemer-Knaur-Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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2 Antworten zu *+* Nathan Filer: „Nachruf auf den Mond“ *+*

  1. Friedelchen schreibt:

    Liebe Irve, danke für den Buchtipp! Als Psychologin interessiert mich das Buch natürlich besonders und ich finde es spannend, dass die Zerrissenheit, die das Krankheitsbild ja zeitweise auszeichnet, hier auch als Stilmittel genutzt wird. Auch wenn es sich dadurch sicherlich nicht leicht liest.

  2. Pingback: *+* Wochenshow #12 *+* | Irve liest...

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