*+* Lilly Lindner: „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin?“ *+*

7-8Liebe Lesefreunde,
.mit diesem Buch habe ich einen der wenigen wahren, zeitlosen Juwelen an meinem literarischen Himmel entdeckt. Es ist ein Buch, das ich möglicherweise nie werde vergessen können.
Ein Herzensbuch!
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Eine unglaubliche Wortkraft entfaltete sich auf jeder Seite und schwebte in mich hinein. Wortkreationen, Wortmagie, Wortspiele, Wortgenie!
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Dieser Schreibstil, den Lilly Lindner zaubert, ist einzigartig. Er begeistert
mich sehr!.

Der Roman hat mir seine Worthaken so tief ins Herz gepresst, dass ich zwischendurch keine Luft mehr bekam und vor Schmerz zu vergehen glaubte.
Bittersüß ist er ….Bitter und süß.
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So bitter war es – und ist es immer noch – von dieser Leere und Einsamkeit lesen zu müssen, ohnmächtig, hilf- und machtlos und für April nichts tun zu können.
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Aber auch ein bisschen süß, denn wenn man nicht nur mit dem Verstand sondern auch mit dem Herzen liest, versteht man sehr schnell, dass dieses spezielle Schicksal, das stellvertretend für viel zu viele andere steht,
abwendbar sein kann. Vielleicht nicht komplett, aber man kann helfen, es erträglicher machen. Und das ist gar nicht so schwer…eigentlich…..Man muss nur sehen und verstehen wollen.
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Aber worum geht es in „
Was fehlt, wenn ich verschwunden bin?“ eigentlich?
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Auf der oberen, direkt zugänglichen Leseebene erleben wir aus zwei Perspektiven Aprils Krankheit. April hat ziemlich weit fortgeschrittene Magersucht und wird in eine Spezialklinik eingewiesen. Sie muss ihre Eltern und ihre kleine Schwester Phoebe verlassen, um möglichst schnell wieder gesund zu werden.
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Der erste Teil des Buches beseht ausschließlich aus den Briefen, die Phoebe ihrer großen Schwester schreibt, unermüdlich, wochen-, monatelang.
Und das, obwohl sie niemals auch nur eine einzige Antwort von April aus dem Briefkasten fischen kann.
Phoebe weiß nicht, was genau ihre Schwester hat und ihre Eltern halten es auch nicht für nötig, ihr irgendwelche Erklärungen zu geben. Und trotzdem versteht sie mehr, denn sie sieht mit dem Herzen und lässt dies sprechen.
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Du hast nicht verstanden, wie meine Krankheit heißt und wie hungrig sie an meinen Knochen nagt, aber du wusstest schon damals mehr als Mama und Papa und alle Ärzte zusammen.“
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Diesem kleinen tapferen Mädchen galt meine Bewunderung. Sie lässt ihre Schwester komplett an ihrem Leben teilhaben, verfasst ihre Briefe so lebendig, sie sprudeln vor Begeisterung und Hoffnung. Vor meinem inneren Auge hatte ich keine zwei getrennten Mädchen vor mir sondern sah die Schwestern, wie sie gemütlich zusammensaßen und sich unterhielten. Ja, ich glaube, Phoebe und April waren sich die ganze Zeit über sehr
nahe, obwohl sie räumlich voneinander getrennt waren.
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Im zweiten Teil des Buches kommt dann April zu Wort, auch ihre Gedanken erfährt der Leser in Briefform.
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Waren schon Phoebes Gedanken und Gefühle fast zu viel für mich, zerbrach mein Leseherz bei Aprils Worten endgültig zusammen.
Alles in mir schrie: „Warum musste dieses warmherzige, liebevolle Kind derart erkranken? Warum habt ihr nicht gesehen, was mit ihr los war? Warum werft ihr ihr Dinge an den Kopf, die nicht stimmen? Warum macht ihr sie mit euren Worten ganz kaputt?“
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Es gibt böse Worte, schlimme Worte, die einfach nur krank machen……so wie die der Eltern.
Und es gibt liebe, gute Worte, die bunt sind und dem Menschen Wärme bringen, ihm Glücksmomente schenken, ihn innerlich nähren, ihm Kraft spenden……so wie die der wunderbaren Phoebe.
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Für diese Zauberworte hat sich aber nur die kleine Schwester Zeit und Muße genommen. Sie hat sich um April bemüht. Aber im Wort
bemühen steckt die Mühe, die es kostet. Diese Mühe machten sich die Eltern leider nicht. Sie kanzelten die immer mehr in sich zusammenfallende Tochter nur im Schnellverfahren ab und verschanzten sich dann hinter ihrer Arbeit. Setzten ihre gestressten Scheuklappen auf, um nicht sehen zu müssen.
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Ich fragte mich immer wieder, warum sie so blind waren. Wollten sie nicht, oder konnten sie wirklich nicht?
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Ihre Worte waren besser als jede handgreifliche Gewalt. Sie haben mich umgehauen, weggefegt, und dann sind sie auf mir herumgetrampelt, bis jeder Knochen in meinem Körper zersplittert war.
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Innerlich schlug ich meine Hände ebenso zusammen als ich lesen musste, wie es April in der Klinik ergangen ist. Auf die einzelnen Behandlungsmethoden möchte ich gar nicht eingehen, nur so viel: Ich empfand sie als unzumutbare Strafe und große Unmenschlichkeiten….
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Kann man die Seele durch eine körperliche Behandlung heilen?
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Natürlich nicht! Warum werden alle Impulsgeber zur möglichen Gesundung im Keim erstickt, während die Sinnlosigkeiten sich breit machen dürfen?
Ich hätte schreien können vor Wut!
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Wie soll ich denn essen.
Bei all der Traurigkeit in meinem Bauch?“

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Und da bin ich endlich bei der zweiten Ebene meines persönlichen Lesens angelangt.
Für mich ist „
Was fehlt, wenn ich verschwunden bin?“ nicht nur die doppelperspektivische Schilderung eines Falls von Magersucht…
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Für mich ist das Buch auch ein Augenöffner. Um es mit Phoebes Worten zu sagen: Öffner kommt von aufmachen, also nicht mehr geschlossen sein und Auge, naja, das erklärt sich von selbst.
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Es ist so wichtig, seine Augen, sein Empfinden zu öffnen für die Mitmenschen, vor allem für die eigenen Kinder.
Wenn einem jemand seltsam erscheint, ist es sicher sehr leicht, darüber zu lästern, sich aufzuregen, ihn zu ignorieren, oder möglicherweise noch mehr zu schwächen, aber wäre es nicht sehr viel menschlicher und hilfreicher, sich fairer mit dieser Person auseinander zu setzen?
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Das kostet sicherlich Zeit, aber ich denke, dass niemand ohne Grund immer stiller wird, oder immer weniger isst. Da steckt etwas dahinter.
Warum sich nicht die Mühe machen, das Problem auszugraben?
Selbst wenn man es nicht sofort lösen kann – vielleicht sogar nie – macht ihr dieser Person ein riesengroßes Geschenk! Ihr gebt
Zeit, Gefühl, Wärme, Nähe. Dinge, an denen es meist sehr mangelt, wenn eine Seele krank wird.
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Ich begriff, was geschehen war und warum es geschehen war, jedoch hatte ich das Gefühl, dass ich noch nicht alles wusste. Und als dann kurz vor Schluss das letzte Teilchen in einem unscheinbaren Nebensatz aufblitzte, traf mich die volle Wucht des Verstehens und
meine heile Elternwelt brach komplett zusammen. Wie kann man nur so ignorant und gleichgültig seinem eigenen Kind gegenüber sein?
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Phoebe, meine liebe Phoebe, versuch niemals, deinen Schmerz ganz alleine zu tragen. Denn wenn du Pech hast, dann trägt er dich davon.“
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Ich war wie gelähmt und zutiefst berührt auf dem gesamten Gefühlsspektrum.
Meine Tränen flossen nicht nur wegen der traurigen Geschichte über die heimtückische Krankheit, sondern vor allem aus Wut und Fassungslosigkeit, als ich das gesamte Ausmaß von Aprils Schicksal erfasst hatte.
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Dieses Werk von Lilly Lindner ist ein ganz großartiges Jugendbuch!
Ich habe es aber auch aus der Sicht einer Mutter gelesen und möchte es auch der elterlichen Zielgruppe sehr ans Herz legen.
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Es macht einem – obwohl man es ja eigentlich weiß – sehr bewusst, wie wertvoll, großartig und schutzbedürftig Kinder sind und dass man nie aufhören darf, sich um sie zu bemühen.
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Eltern, lest es und spürt in eure Kinder hinein, helft ihnen, wenn sie ihre Last nicht alleine tragen können! Seid immer für sie da, so schwer es auch sein mag….und füttert sie mit Glück bis sie fast platzen!
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Kinder, wenn eure Eltern euch nicht zuhören, verzweifelt nicht. Sucht solange, bis euch jemand Gehör schenkt. Ihr seid wertvoll, jeder von euch!
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Infos zum Buch:
„Was fehlt, wenn ich verschwunden bin?“ von Lilly Lindner ist im Februar 2015 unter der ISBN-Nr. 978-3-7335-0093-1 in den Fischerverlagen erschienen. Es umfasst 400 Seiten und ist auch als Ebook erhältlich.
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Inhalt:
Lilly Lindner ist ein Phänomen. Sie ist ein außergewöhnliches Schreibtalent.
Nun hat sie ihr erstes Jugendbuch geschrieben und trifft mit ihrer glasklaren und poetischen Sprache jeden Leser direkt ins Herz.

April ist fort. Seit Wochen kämpft sie in einer Klinik gegen ihre Magersucht an. Und seit Wochen antwortet sie nicht auf die Briefe, die ihre Schwester Phoebe ihr schreibt. Wann wird April endlich wieder nach Hause kommen? Warum antwortet sie ihr nicht? Phoebe hat tausend Fragen. Doch ihre Eltern schweigen hilflos und geben Phoebe keine Möglichkeit, zu begreifen, was ihrer Schwester fehlt. Aber sie versteht, wie unendlich traurig April ist. Und so schreibt sie ihr Briefe. Wort für Wort in die Stille hinein, die April hinterlassen hat.
Quelle: Fischerverlage

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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15 Antworten zu *+* Lilly Lindner: „Was fehlt, wenn ich verschwunden bin?“ *+*

  1. monerl schreibt:

    das ist eine sehr, sehr schöne und bewegende rezension! ich werde mir das buch sofort kaufen und lesen, ich scharre schon mit den füßen, obwohl ich zu bin mit büchern, der RuB schreit und es seit einiger zeit kaum noch lesezeit für bücher gibt, außer es sind hörbücher. doch ich bin sicher, dieses buch muss man körperlich in der hand halten und gelesen haben, ganz alleine und für sich selbst.
    danke!

  2. ClauDia schreibt:

    WOW! du hast mich buchstabenlos gemacht mit dieser zauberschönen Rezi! ♥ ich hoffe, Lilly liest sie. Danke dir!!! ♥
    Ich trau mich noch immer nicht an Lillys Bücher…
    Liebe Grüße
    ClauDia

  3. zimttraeumereien schreibt:

    Liebe Heike, eine wundervolle Rezi zu einem wundervollen Buch. Im Chat habe ich deine Gefühle beim Lesen verfolgen können, ohne bis jetzt gerade beim Lesen gewusst zu haben, dass das Thema Magersucht ist.
    Habe es ja schon angedeutet, dass eine sehr sehr enge Freundin von mir mit der selben Krankheit kämpft, seit vielen Jahren und ich bin froh, dass sie kämpft. Die Ursachen, dass sie mit Mitte 20 aufgehört hat zu essen, liegen gößtenteils in der frühen Kindheit (bei ihr) und scheinen beim ersten Hören sehr banal. Aber jeder Mensch ist verschieden. Der eine nimmt so etwas gar nicht bewusst wahr, den anderen macht es innerlich kaputt. Zu diesen Grundursachen kommen im Laufe des Lebens mehr und mehr kleine Impulse, die das Fass irgendwann zum Überlaufen bringen. Und da sind wir beim Thema Augen öffnen. Es sagt sich leichter als es ist, denn meist ist es dann schon zu spät, wenn der Zustand eingetreten ist, wo die Veränderungen kommen, die man sieht.
    Umso wichtiger ist es, dann keine Vorwürfe zu machen, sondern nach gemeinsamen Lösungen zu suchen und füreinander da zu sein. Und vor allem die Krankheit des Kindes nicht zu verleugnen. Auch das ist oft schwer, denn oft liegt die „Schuld“ (ich setze es bewusst in Anführungszeichen“ oder nenne es besser „der Auslöser“) im engen Umfeld und wird nicht wahrgenommen, da es immer so war. Sei es eine Lebensweise, durch Beruf und Karriere geprägter Zeitmangel,… nicht immer sind es Worte. Ich könnte hier jetzt noch viel weiter schreiben, habe den Kampf ja quasi vom ersten Tag an mitgemacht und mache ihn auch noch an ihrer Seite mit, aber das würde zu sehr abschweifen und ins Private gehen.
    Aber eins stimmt: Klinikbesuche in den Ernährungskliniken können mehr Folter als Heilung sein…
    Richtig ist auf jeden Fall, dass Eltern immer ein offenes Ohr haben sollten für ihre Kinder und auch schauen müssen, wie es ihnen geht oder was sie bedrückt. Aber verhindern lässt sich damit nicht alles. Manche psychischen Erkrankungen kann man einfach nicht sehen oder verhindern und sie können im intaktesten Elternhaus auftreten. So doof wie es klingt, aber eine liebe Freundin und Psychologin meinte, dass auch gerade in behüteten Familien viel passieren kann. Gerade dann, wenn ein Schicksalsschlag passiert, der die Grundfesten ins Wanken bringt.
    Drum darf man auch nicht übervorsichtig werden oder sich selbst infrage stellen. Seid für eure Kids da und hört ihnen zu! Das ist das Wichtigste!

    Heike, nun hast du es geschafft, dank deiner gefühlvollen Rezi in Kombination mit unserer Gruppe werde ich es nun doch lesen, gerade weil dieses Thema mich seit so vielen Jahren selbst mit betrifft.

    Danke für die tiefen Worte.

    • irveliest schreibt:

      Ja, leider kann man diese heimtückische Krankheit nicht wegkuscheln. Trotzdem können Interesse für den anderen, Wärme etc. nicht schaden und verhelfen dem armen Opfer möglicherweise zu schönen Momenten.
      Ich kenne niemanden mit dieser Krankheit und ich glaube ich würde verzweifeln, dass ich so gut wie nichts tun kann.

      • zimttraeumereien schreibt:

        Das auf keinen Fall, aber Interesse und Wärme definitiv! Man muss nur auch damit sehr sensibel umgehen, denn wenn es dein einen Tag gut tut, heisst das in so einem Fall leider nicht, dass es am nächsten immer noch so ist. 😦 Aber füreinander da sein ist wichtig, denn nur so kann die betroffene Person vertrauen.

        Ich wünsche es dir auch nicht, es ist ein permanenter Kampf, Hilflosigkeit, Verzweiflung, man muss so aufpassen, dass man nicht selbst mit kaputt geht. Habe 2 Freundinnen, eine mit Anorexie und die andere Borderlinerin, sehr schlimm, aber wir kämpfen alle, dass die beiden damit leben lernen. Und mittlerweile sieht das auch ganz gut aus. Zum Glück! Wobei Tiefschläge nicht auszuschließen sind und heutiges Lachen morgen schon auf der ITS enden kann 😦

  4. Miri schreibt:

    Eine sehr berührende Rezension! Das Buch klingt toll, aber ich glaube um es zu lesen, muss man in der richtigen Stimmung dafür sein…

  5. literatwo schreibt:

    Berührend – sehr und ich glaube, ich schaffe es nicht, dieses Werk zu lesen – zumindest momentan nicht. Aber ich danke für die Worte und in der Gruppe konnte ich viel von deinem Lesegefühl aufsaugen.

    • irveliest schreibt:

      Wenn ich Heulboje es geschafft habe, kannst du es bestimmt auch….aber du hast recht, man muss schon irgendwie in der richtigen Stimmung für so ein hochemotionales Buch sein, das auf dem gesamten Gefühlsspektrum Achterbahn fährt…

  6. Pingback: [Die Sonntagsleserin] Februar 2015 | Phantásienreisen

  7. Pingback: *+* Wochenshow #9 *+* | Irve liest...

  8. sirosesfb schreibt:

    Ein hochemotionales Buch mit so einer schönen Rezension landet sogleich auf meiner Wunschliste :)! Dankeschön!

  9. sirosesfb schreibt:

    🙂

  10. Pingback: *+* Wochenshow #10 *+* | Irve liest...

  11. Pingback: Daggis Welt » Blog Archive » Daggis Buch-Challenge 2015 – das war der Mai

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