*+* Thomas Raab: „STILL – Chronik eines Mörders“ *+*

Still-9783839813515_xlLiebe Lauschfreunde,
Dreh- und Angelpunkt dieses (Hör-)Buches ist Karl Heidemann. Sein Leben – von der Geburt bis hin zu seinem Tode. Dieser wird direkt am Anfang vorweggenommen, jedoch schmälerte dies in keiner Weise die Spannung und Neugier, die ich während der Lektüre verspürte.
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Schon kurz nach der Geburt wurde spürbar, dass Karl anders war als die anderen. Warum, erkannte zunächst niemand, aber Karl, der entweder schrie oder seine Milch trank, fiel auf, strengte an. Strengte so sehr an, dass
die Scheuklappen vor den Augen seiner Eltern immer enger wurden, ihnen immer mehr die Sicht nahmen auf das Wesentliche:
Das Wohl ihres Kindes.

 Anders konnte ich mir ihr Verhalten nicht erklären.
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Anstatt zu sehen, zu verstehen und zu agieren REagierten sie nur noch. Brachten ihren Sohn nur einmal halbherzig in ein Krankenhaus, dessen Verlassen leider fatale Folgen für den Jungen mit sich brachte.
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In dieser Phase fragte ich mich das erste Mal, wie prägend äußere
Einflüsse auf den Menschen – besonders auf Babys, Kinder und Jugendliche – sind.
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Sind wir so wie wir sind, weil unser Genmaterial es uns so vorgibt? Sind wir so, weil unsere Umgebung uns in derlei Richtung prägt? Ist es eine Mischung aus beidem? Und ganz besonders interessierte mich die Frage der Bandbreite. Nämlich die Bandbreite, die man charakterlich theoretisch einnehmen könnte, wen
n man unter verschiedenen Bedingungen aufwächst. Die beiden Extreme dieser Skala wären für mich:
Liebe, gelerntes Sozialverhalten, Kennen von Moral und Ethik sowie
Isoliertes Leben mit einem Minimum an Sozialkontakten und „lehrenlos“ aufwachsen
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Letzteres so wie Karl es erlebt hatte. Er machte fast alle Erfahrungen auf eigene Faust, auch die, die man normalerweise durch Lernen und soziale Interaktion vermittelt bekommt. Karl entwickelt seine ganz persönliche Logik, der ich
mich erstaunlicherweise nicht sofort entziehen konnte, trotz aller Folgen, die dies nach sich zog. So baute er sich seine eigene moralische Welt. Durch eine Verkettung von dummen Umständen begreift er das Töten als etwas Gutes. Er weiß lange Zeit nicht, dass man damit Unrecht tut, gar Sünde begeht. Zudem lehrt ihn niemand, dass es ein großer Unterschied ist, ob man Mensch oder Tier tötet. So nahmen die Dinge einen Lauf, der möglicherweise zu verhindern gewesen wäre…
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Über lange Zeit konnte ich die Logik des Karl Heidemann sehr gut folge
n. Ich sah, obwohl er ein Mörder war, nicht das Untier in ihm, eher eine bemitleidenswerte Kreatur, der ich dringendst Hilfe wünschte. Hilfe zu verstehen, zu lernen….Und dann bitte möglichst früh, denn wer weiß, wie lange dieser menschliche Geist formbar wäre…
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Hin und wieder schlichen sich für mein Empfinden in der Erzählung einige Passagen ein, die nicht zum bisherigen Aufbau der persönlichen Heidemann´schen Logik und des daraus resultierenden Weltbildes passten. Wenigstens für mich nicht.
Der Junge blieb sich hin und wieder nicht treu in seinem Handeln, was mich dann entsprechend verwirrte.
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Die Frage, wie Karl sich möglicherweise hätte anders entwickeln können, hätte er die Grundpfeiler an Moral, Sitte und Ethik vermittelt bekommen, umtrieb mich während der gesamten Laufzeit der CD. Ich weiß, es ist müßig, sich darüber Gedanken zu machen, denn man kann das
Leben nicht auf „START“ zurückspulen, leider in diesem Fall.
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Das Wesen Karls, seine Verschlossenheit, seine ganz spezielle Individualität wurde perfekt unterstrichen durch den sehr eigenwilligen Schreibstil. Oft verwendet der Autor Kurzsätze, manchmal gar Einwort-Sätze, macht häufig nur Andeutungen. Andeutungen, die mir oft den Weg in meine eigene G
edankenwelt wiesen. Zu Karl und seinem Leben, aber auch zur realen Welt, zu mir und meinem Wesen, zu meinen Mitmenschen, zu Sein an sich.
Die geringe Menge an „Gesprächen“ in der Erzählung ließ mich hin und wieder schaudern, aber so einsam und mangelnd an Sozialem verlief es, das Leben des Mannes, und auch mit diesem Stilmittel werden dessen Lebensumstände perfekt gestützt.
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Auch wenn ich hin und wieder über die Logik einiger Passagen gestolpert bin:
Diese „Chronik eines Mörders“ hat ihr Ziel ganz klar erreicht….

 Die Gedanken rund um Karl, seine Entwicklung, lassen mich auch jetzt noch nicht ganz los. Die nicht zu beantwortende Frage, wie es anders – vermutlich besser – für ihn hätte laufen können und im nächsten Schritt, wie anders mein Leben möglicherweise verlaufen wäre, wäre ich unter anderen Rahmenbedingungen groß geworden….Sehr komische Gedanken, irgendwie surreal!
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Kein leichter Stoff dieser Krimi, aber empfehlenswert!
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 Daran hat auch der Sprecher Frank Arnold sehr großen Anteil. Er las mich emotional sehr angemessen und ansprechend durch das gesamte Buch und wurde dem Stoff mehr als gerecht!
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Einen herzlichen Dank an den Argon-Verlag und Lovelybooks, bei deren Hörrunde ich dieses Audiobook hörte.
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Infos zum Hörbuch:
„STILL – Chronik eines Mörders“ von Thomas Raab ist im Januar 201
5 unter der ISBN-Nr. 978-3-8398-1351-5 im Argon-Verlag erschienen. Laufzeit: ) Std, 4 Min., Sprecher: Frank Arnold
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Inhalt:
Jettenbrunn, ein kleines Dorf am Fuße eines Kalvarienberges. In dieses Elysium wird eines der bedauerlichsten und grausamsten Wesen zugleich geboren: ein Junge, der mit dem Makel des sensibelsten Gehörs geschlagen wurde, das es je gab. Jedes Geräusch, jeder Flügelschlag eines Schmetterlings ist für ihn unerträgliche
Qual. Also schreit er. Schreit sich den Schmerz aus der Seele. Seine zudringliche Mutter hört es, aber versteht es nicht. Einzig der schalldichte Keller scheint dem Jungen Ruhe zu bringen. So wächst er heran, isoliert, schweigsam. Bis zu jenem unheilvollen Nachmittag am Weiher. Zuerst tötet er seine Mutter, schließlich das halbe Dorf. Dann zieht er halbwüchsig hinaus in die Welt. Ein unheimliches Geschöpf, das sich seinen Opfern lautlos nähert und doch nie findet, wonach es mit aller Macht sucht.
Quelle: Argon-Verlag

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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5 Antworten zu *+* Thomas Raab: „STILL – Chronik eines Mörders“ *+*

  1. BirthesLesezeit schreibt:

    Hört sich interessant an… Freue mich schon auf das Buch, das hier neben mir liegt und darauf wartet, dass ich es endlich lese :-). LG Birthe

  2. Pingback: *+* Wochenshow #8 *+* | Irve liest...

  3. Tanja Mandelt schreibt:

    Ich habe das Buch gelesen, nicht gehört, stimme aber inhaltlich absolut mit dir überein. Definitiv ein Buch, das so schnell nicht loslässt und deine Gedanken dazu machen mich wiederum nachdenklich. Was wäre wenn…? Spannend, wenn auch wohl nie aufzulösen.

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