*+* Katherine Kressmann Taylor: „Adressat unbekannt“ *+*

Adressat-unbekannt-9783455810615_xlLiebe Lesefreunde,
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ich muss euch vorab sagen, dass ich für dieses Buch keine annähernd angemessenen Worte finden werde, so sehr ich mich auch bemühe….
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Über noch nicht einmal 60 Seiten erstreckt sich der Briefwechsel zwischen den ursprünglichen Freunden Max Eisenstein und Martin Schulse. Zunächst betreiben die beiden gemeinsam eine Galerie in Amerika. 1932 geht Martin mit seiner Familie zurück in seine alte Heimat, nach Deutschland, um von dort aus das Unternehmen zu unterstützen.
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Dort hatte Hitler nun das Amt des Reichskanzlers inne. Martin wirft seinen anfänglichen Argwohn gegen die neue Führung schnell über Bord, und nicht nur das. Seine anfänglichen leisen Zweifel verwandeln sich schnell in feurige Begeisterung.
Das Unglück nimmt seinen Lauf. Auf den schnell erreichten ersten Höhepunkt folgen leider weitere.
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Beim Lesen hatte ich ganz schnell einen sehr dicken Kloß im Hals.
Dass es in der Natur des Menschen liegt, seinen Vorteil wahrzunehmen, wissen wir alle. Das ist kein Verbrechen, solange man das Wohl der Mitmenschen dabei nicht aus den Augen verliert. Aber wie Martin sich seinem lieben alten Freund Max gegenüber verhält, werde ich nie begreifen.
Funktioniert Gehirnwäsche wirklich so wirkungsvoll? Und so schnell? Wirft man Verstand, Moral und Verantwortungsbewusstsein wirk
lich einfach so über Bord, wenn ein persönlicher Nachteil droht?
Wo bleibt die Menschlichkeit? Ich bin wirklich erschüttert, vor allem weil ich ahne, dass die Menschheit in gewisser Weise dumm und unbelehrbar ist.
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Schon nach einigen Seiten der Novelle kam mir das Buch „Die Welle“ in den Sinn – das „moderne“ Experiment, bei dem versucht wurde, nachzuvollziehen, wie es Hitler gelang, das Volk derart in der Hand zu halten.
Schon bei diesem Werk platzte ich fast vor Wut…..und was soll ich sagen? Im Vergleich zur Realität war das offenbar nur der kleine B
ruder des wahren Schreckens.
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„Adressat unbekannt“ besteht zum Teil aus fiktiven Briefen. Diese hat die Autorin aber nur komponiert, um den realen Schriftstücken, die ihr vorlagen, einen geeigneten literarischen Rahmen zu geben.
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So ist das Verhalten von Martin Schulse nicht erdacht sondern real. Wenn
man sich vorstellt, wie er gegen seinen alten Freund gehandelt hat, bekommt man eine Ahnung, dass diese Szene nur die Spitze des Eisbergs sein könnte.
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Max legt nun endgültig – wer kann es ihm verdenken – seine Loyalität gegenüber Martin ab. Mit einem perfiden Plan setzt er sich zu Wehr. Mir fehlten die Worte. Bei aller Schadenfreude war ich entsetzt, was nun geschah.
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Ich habe in noch keiner Erzählung, keinem Buch mehr vor Au
gen geführt bekommen, welche Macht und Sprengkraft Worte haben können. Es ist die pure Sprache, die hier einen riesigen Stein ins Rollen bringt!
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Die Geschichte des 2. Weltkrieges wird mich immer traurig stimmen. Was mich aber auch sehr betrübt ist, dass dieses Büchlein trotz des konkreten Themas zeitlos ist und weitestgehend allgemeingültig erscheint.
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 Jeder sollte es lesen!
Es ist zudem die ideale Schullektüre.
Die Kinder würden nicht Jahr für Jahr mit hunderten von Seiten Buch gequält, die meist ohnehin nicht wirklich den Kern des Ganzen treffen. Die geringe Seitenzahl dieses Buches ist auch für den größten Lesemuffel machbar, und worum es geht, für jeden zu verstehen.
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Das sehr starke Nachwort von Elke Heidenreich spricht mir aus der Seele.
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Zum Buch:

Adressat unbekannt“ von Katherine Kressmann Tayler ist im August 2012 unter der ISBN-Nr 978-3-455-81061-5 im Verlag Hoffmann und Campe erschienen.
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Das „Meisterwerk einer aufs Äußerste verknappten Erzählkunst“ (FAZ) erscheint als Neuausgabe zum 75. Jubiläum seiner Erstveröffentlichung. Adressat unbekannt, der große literarische Erfolg von Kathrine Kressmann Taylor, die als Schriftstellerin nur mit ihren beiden Nachnamen an die Öffentlichkeit trat, ist ein Roman von beklemmender Aktualität. Gestaltet als Briefwechsel zwischen einem Deutschen und einem amerikanischen Juden in den Monaten um Hitlers Machtübernahme, schildert er die tragische Entwicklung einer Freundschaft und die Geschichte einer bitterbösen Rache. „Ich habe nie auf weniger Seiten ein größeres Drama gelesen“, schreibt Elke Heidenreich in ihrem Nachwort. „Diese Geschichte ist meisterhaft, sie ist mit unübertrefflicher Spannung gebaut, in irritierender Kürze, kein Wort zu viel, keines fehlt … Nie wurde das zersetzende Gift des Nationalsozialismus eindringlicher beschrieben. Adressat unbekannt sollte Schullektüre werden.“

„Man darf über diese eindrucksvolle Geschichte nicht sprechen – zumindest nicht mit jenen, die sie noch nicht gelesen haben. Dieses kleine Buch ist ein großes Erlebnis.“ – Deutsche Welle

„Eine Sensation, perfekt und unvergesslich.“ Elke Heidenreich
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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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6 Antworten zu *+* Katherine Kressmann Taylor: „Adressat unbekannt“ *+*

  1. buzzaldrinsblog schreibt:

    Danke für diese beeindruckende Besprechung, die mir ein Buch zurück ins Gedächtnis ruft, dass mich ähnlich beeindruckt hat wie dich, als ich es vor vielen Jahren gelesen habe.

  2. Kathrin schreibt:

    Das Buch wollte ich mir schon vor ein paar Jahren holen – aber irgendwie hat es sich immer wieder aus meinem Gedächtnis geschlichen. Danke daher fürs Erinnern – und natürlich für deine Besprechung!

    Und auch wenn du glaubst, dass du nicht annähernd angemesse Worte gefunden hast – deine Wut und dein Schock über die leichte Manipulation kommen auch zwischen den Zeilen rüber. Was mich beunruhigt ist, dass Propaganda heute leider noch genauso simpel und effektiv wirkt wie damals. Ich habe in den letzten Monaten schon öfters mit Menschen diskutieren müssen, die Hetzkampagnen glauben und sich auch durch entkräftende Beweise und ausführliche Dokumentation nicht zum Umdenken bewegen lassen (wollen). Daher unterstütze ich deine Ansicht, dass „Adressat unbekannt“ wichtige Schullektüre ist/sein sollte, sind die Themen doch auch heute noch aktuell.

    • irveliest schreibt:

      Wenn ich mich daran erinnere, wie wir damals in der Schule mit Lektüre zum Thema 2.Weltkrieg Jahr für Jahr regelrecht gequält wurden….es hatte fast schon gegenteilige Wirkung…. hunderte von Seiten mit irgendwelchen Geschichtchen drumherum…
      Da lobe ich mir diese klaren Worte! Ein Roman um die Brisanz herum entkräftet schon wieder die dringliche Wichtigkeit des Themas. Kurz und knapp und wirklich für jeden verständlich, das wird dieser dunklen Zeit gerecht.
      Ich frage mal beim nächsten Sprechtag, ob dieses Buch mal gelesen wird….Kennen werden die Lehrer es ja wohl 😉

      • Kathrin schreibt:

        Da habe ich (zum Glück) andere Erfahrungen gemacht. Bei uns war Nationalsozialismus in Geschichte und Ethik zwar auch ein ständiges Thema, aber es hat nie genervt, weil das Thema eine Herzensangelegenheit der Lehrerin war und es so nie wie runtergebeteter Lehrstoff rüberkam. Gelesen haben wir zu dem Thema aber nur zwei Bücher (Anne Franks Tagebuch und „Damals war es Friedrich“) – bei uns wurde eher auf Filme, Schülervorträge und Ausflüge gesetzt.

        Ich bin sicher, dass die Lehrer „Adressat unbekannt“ kennen. In unserer Stammbuchhandlung ist das Buch permanent im Bereich der Schullektüre erhältlich – es wird also auf jeden Fall an der ein oder anderen Schule gelesen. Ich bin gespannt, was du beim Sprechtag für Erfahrungen an der Schule machst!

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