*+* Anthony Doerr: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ *+*

Liebe Lesefreunde,
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manchmal falle ich mit der Tür ins Haus, so auch heute..
Ich kann mich nur JR Moehringer anschließen, dessen Zitat man im Rückentext findet:

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„Doerr sieht die Welt wie ein Wissenschaftler, aber empfindet sie wie ein Poet.“
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Dementsprechend einzigartig und eingängig ist sein Schreibstil. Eher beschreibend als emotional, fernab jeder Gefühlsduselei. Doerr spiegelt in seinem Erzählten nicht die subjektiven Empfindungen der Protagonisten wieder sondern bleibt eher objektiv. So wird man automatisch zum Tiefenlesen geführt. Immer und immer wieder hielt ich während der Lektüre inne, sah das Beschriebene vor meinem inneren Auge, versuchte mich in die Personen hineinzuversetzen.
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Dadurch, dass man nicht durch den Autor in eine gefühlsmäßige Stimmung oder Denkweise geleitet wird, kann man sich lesenderweise frei entfalten und hat ausreichend Raum für das persönliche Kopfkino, das den buchigen Film dann letzten Endes doch in Bezug auf den Leser personalisiert.
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Sie alle sind ein Haufen Ton, und der Töpfer, der füllige Anstaltsleiter mit dem glänzenden Gesicht, formt daraus vierhundert identische Gefäße.
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Der Schreibstil ist packend und eindringlich, dennoch lässt sich der Roman sehr gut lesen. Das liegt nicht zuletzt an den meist recht kurzen Kapiteln. Der Autor wechselt passagenweise immer wieder innerhalb des Zeitraumes von 1934 und 1944. Dadurch überträgt sich das Tempo der realen Geschehnisse in diesen zehn Jahren sehr gut auf das Buch und ich empfand den Roman dadurch noch authentischer und näher am Geschehen als wenn alles rein chronologisch erzählt worden wäre. Zum Schluss des Buches macht Anthony Doerr noch zwei Sprünge in das spätere Leben einiger Protagonisten, was für meinen Geschmack das Buch sehr gut abrundete.
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Sprachlich sehr feinfühlig erreichte mich das Buch auf einer tiefen Ebene und obwohl die Knappheit der präzisen Beschreibungen es oft auf den Punkt brachte, konnte ich dieses Buch nicht schnell lesen. Einerseits gehört es mit seinen 517 Seiten eher zu den umfangreicheren Buchschätzen, andererseits nimmt das persönliche Füllen der literarischen Nüchternheit viel Zeit in Anspruch.
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Ist es richtig, etwas zu tun, nur weil alle anderen es auch tun?
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Was im Großen und Ganzen im 2. Weltkrieg passiert ist, brauche ich nicht erklären. Das Wissen um die Abscheulichkeiten geht automatisch einher mit den Vorwürfen, die man dem damaligen deutschen Volk macht. So dachte ich vor dem Roman auch. So denke ich auch immer noch. Es gibt für mich keine Menschen zweiter Klasse und es sollte keinen Grund geben, jemanden – warum auch immer – auszugrenzen.
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Weißt du, wie Diamanten und alle anderen Kristalle wachsen, Laurette? Indem sie sich mikroskopisch dünne Schichten hinzufügen, jeden Monat ein paar Tausend Atome, eines über das andere. Jahrtausend um Jahrtausend.
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Warum ist es dennoch geschehen? Diese Frage wird wohl nie vergehen und ich werde sie mir immer und immer wieder stellen. In „Alles Licht, das wir nicht sehen“ wird auf sehr subtile Weise ein wenig diesem Thema nachgegangen. Besser nachvollziehen kann ich nun, warum – sieht man einmal von einigen Widerstandskämpfern ab – ein ganzes Volk sich zu solch demütigenden Gräueltaten hinreißen ließ. Meine Meinung dazu hat sich dadurch aber in keiner Weise geändert.
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Eine dämonische Horde. Umgedrehte Bohnensäcke,. Hundert zerrissene Rosenkränze. Es gibt tausend Metaphern, und alle sind unzureichend: vierzig Bomben pro Flugzeug, vierhundertachtzig insgesamt, zweiunddreißigtausendfünfhundert Kilogramm Sprengstoff.
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Obwohl wir es hier mit einem Roman zu tun haben, initiiert der Autor einen sagenhaften Spannungsbogen, der sich über die drei verschiedenen roten Fäden des Buches zieht.
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Wie nennen wir sichtbares Licht?Farbe nennen wir es. Aber das elektromagnetische Spektrum reich in der einen Richtung bis Null und in der anderen in die Unendlichkeit, und so ist alles Licht, Kider, mathematisch am Ende unsichtbar.
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Da ist das französische Mädchen Marie-Laure, das als Folge einer Krankheit mit sechs Jahren erblindet. Ihr liebevoller Vater, tut alles, um ihr zu helfen. Nicht nur bei den alltäglichen Dingen. Er baut die Straße, in der sie wohnen, maßstabsgetreu nach. So lernt sie, mit den Fingern zu sehen und sich somit in der näheren Umgebung zurechtzufinden. Der Vater ermutigt Marie, die Blindenschrift zu lernen, sodass das Mädchen trotz ihrer Einschränkung lesen kann. Marie wird von ihrem Vater mit so viel Liebe und Zuversicht gefüllt wie nur möglich, wodurch sie zu einer sehr starken Person heranwächst.
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Dein Problem ist, dass du immer noch glaubst, dein Leben gehöre dir.
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Dem deutschen Waisenjungen Werner gilt ebenfalls das Augenmerk des Autors. Werner ist technisch hochbegabt. Schon im Kindesalter bringt er sich bei, Radios zu reparieren und eigene Geräte zu bauen. Um der Arbeit im Bergwerk zu entgehen, nimmt er ein Angebot der Wehrmacht an, die sich seine Gabe natürlich zu Nutze machen möchte.
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Das Radio bindet Millionen von Ohren an einen einzigen Mund.
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Über allen Geschehnissen schwebt immer immer wieder der Geist des „Flammenden Meeres“, eines einzigartigen und sehr wertvollen Diamanten. Man sagt ihm eine unglaubliche Wirkung nach, was ihn mehr noch als sein Wert zu einem sehr begehrten Objekt macht.
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Diese drei miteinander verwobenen Geschichten des Romans treffen schließlich im August 1944 schicksalhaft und mit explosiver Wirkung aufeinander und erreichen das Maximum des kontinuierlich aufgebauten Spannungsbogens.
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Du darfst den Glauben niemals verlieren. Das ist das Wichtigste.
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Alles hat ein Ende, leider auch dieses Buch. Aber mit dessen Zuklappen ist die Lektüre für mich noch nicht vorüber. Immer wieder sinniere ich über besonders tiefe Textstellen, halte mir das Verhalten und die Entwicklung der vielen gut ausgearbeiteten und glaubhaften Protagonisten vor Augen und empfinde tiefen Schmerz über dieses dunkelste Tal der deutschen Geschichte.
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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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5 Antworten zu *+* Anthony Doerr: „Alles Licht, das wir nicht sehen“ *+*

  1. AstroLibrium schreibt:

    Ich spüre nur eins….du hast dieses Buch gespürt… undd as haben wir gemeinsam. Nachdenklich machende Lektüre der ganz besonderen Art….

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