*+* Irve hakt nach…. „Zeit der großen Worte“ von Herbert Günther *+*

Liebe Lesefreunde,

wer das Geschehen auf meinem Blog und der entsprechende Facebook-Seite verfolgt, hat es schon gemerkt:

ZEIT-D~1„Zeit der großen Worte“ hat mich auf der ganzen Linie überzeugt!

Häufig ist es  so, dass mich solche Bücherperlen sehr beschäftigen und sich die eine oder andere Frage ergibt. Wenn ich dann die Möglichkeit habe, den Autor/ die Autorin zu kontaktieren und diese(r) meine Fragen ausführlich und gewinnbringend beantwortet, ist das schon ein echtes Highlight an meinem persönlichen Leserhimmel.

An dieser Stelle bedanke ich mich ganz herzlich bei Herbert Günther, der all meine Fragen schnell und umfassend beantwortet hat!

Lest jetzt den eMail-Verkehr bestehend aus meiner Fragen-Sammlung und der Antwort des Autors:
Ein kleiner Hinweis an die, die das Buch noch nicht kennen, es aber noch lesen wollen…an einigen Stellen wird sachbezogen auf den Inhalt eingegangen.

Sehr geehrter Herr Günther,

ich nehme an der Lovelybooks-Leserunde zu Ihrem Buch teil. Es gefällt mir sehr gut und hat mich emotional so erreicht, wie es zuvor kaum ein Buch geschafft hat.

Sie haben da eine runde Mischung geschaffen, vom Inhalt über den Schreibstil und die zahlreichen sehr informativen Ergänzungen bis hin zum Cover, das zum einen sehr ansprechend, zum anderen bezeichnend für die damalige Zeit ist.

Während der Lektüre kamen mir viele Gedanken und es traten auch einige Fragen auf. Ich wäre sehr froh, wenn ich Ihnen diese stellen dürfte.

Zunächst war ich überrascht, dass Sie, wie vergleichsweise wenige Autoren, nicht über den Zweiten sondern über den Ersten Weltkrieg geschrieben haben. Liegt es daran, dass sich dessen Beginn in diesem Jahr zum hundertsten Mal jährt, oder haben Sie einen persönlichen Bezug zu dieser schlimmen Zeit?

Da es niemanden mehr zum Befragen geben dürfte, der den Ersten Weltkrieg erlebt und überlebt hat, würde es mich interessieren, wie Sie recherchiert haben. Die reinen Fakten lassen sich ja recht gut abfragen, aber woher haben Sie diese teilweise detaillierten Informationen, was das Persönliche angeht, was nicht in Tabellen und Statistiken erfassbar war? Aus welchen Quellen konnten Sie schöpfen? Gab es eine überlieferte Familiengeschichte und gab es Pauls Familie vielleicht sogar? Oder mussten Sie sich alles mühselig aus Briefen, Tagebüchern oder anderen Quellen zusammenklauben?

Ihr Schreibstil ist sehr gut gewählt, beschreibend, ohne den Emotionen der Charaktere zu viel Raum zu geben, was meine Empfindungen während des Lesens sehr verstärkt hat. Haben Sie dies bewusst so gestaltet, oder ist dies nur ein sehr gut passender Nebeneffekt?
Sehr betroffen hat mich die medizinische Versorgung der Kriegsverletzten gemacht. So gerade eben mit dem Leben davon gekommen wird dieses durch unverantwortliche Menschenversuche erneut gefährdet. War es nicht schwer, über dieses Thema zu recherchieren? Über die „Kaufmanns Kur“ hatte ich zuvor noch nie etwas gehört..

Lieben Dank, falls Sie sich die Mühe machen, meine Fragen zu beantworten! Dürfte ich davon auch auf meinem Bücherblog schreiben, oder wäre Ihnen das nicht so recht?

„Zeit der großen Worte“ bewegt mich auch noch nach dem Lesen sehr!
Ich wünsche Ihnen viel Erfolg für dieses und alle anderen Ihrer Bücher!

Mit freundlichen Grüßen,
Heike Dewald

Herbert Günther

Sehr verehrte Frau Dewald,

vielen Dank für Ihre Mail. Über Ihr positives Urteil zu „Zeit der großen Worte“ habe ich mich gefreut. Gern will ich versuchen, auf Ihre Fragen zu antworten.

Der Anfang von allem war in der Tat 100 Jahre Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Meine Lektorin fragte mich vor gut zweieinhalb Jahren, ob mir nicht eine Geschichte dazu einfalle. Ich habe eine Zeitlang gezögert, aber je mehr ich dann über diese Zeit recherchiert habe, umso mehr hat es mich gepackt.

Es gibt ja doch einen engen Zusammenhang zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg und am Ende denke ich, is tGeschichte immer ein lebendiger Prozess in dem sich eins aus dem anderen entwickelt. Der Versailler Vertrag, die sogenannte Dolchstoßlegende, die Spaltung der Arbeiterbewegung, die Radikalisierung zwischen Rechts und Links, die Freicorps der frustrierten Soldaten, aus denen ja auch Hitler hervorgegangen ist, das Verächtlichmachen der Demokratie in der Weimarer Republik, das alles sind ja Folgen des Ersten Weltkriegs, die die Ungeheuerlichkeiten des Antisemitismus und die Anmaßungen der Nationalsozialisten möglich gemacht haben.

Viele Historiker sprechen ja vom Ersten Weltkrieg als  der „Urkatastrophe“  des 20. Jahrhunderts. – Ich bin kein Historiker, ich will Geschichten erzählen, ich glaube an die Kraft von Geschichten. Aber natürlich sind mir bei einer solchen Geschichte die historischen Fakten Maßstab und Orientierung.

Natürlich habe ich viel gelesen, Feldpostbriefe, Zeitungen, Illustrierten, die Bücher, die ich zum Weiterlesen empfohlen habe. Natürlich habe ich das Internet befragt und Unmengen interessanter Informationen ausgedruckt und geordnet. Fast vier Wochen habe ich in der Universitätsbibliothek in Göttingen gesessen und haben die Ausgaben der Lokalzeitung der Jahre 1914 bis 1919 gescannt. Lokalzeitungen waren ja damals in einer Zeit ohne Radio und Fernsehen so ziemlich die einzige Informationsquelle für die Mehrheit der Menschen. Im Internationalen Schulbuchinstitut in Braunschweig habe ich viele Schulbücher der wilhelminischen Zeit ausgeliehen und vieles daraus kopiert.

Zu all den interessanten Recherchen war aber doch auch etwas sehr Persönliches für mich Antrieb zur Arbeit.  Mein Vater, der 2005 im Alter von 94 Jahren gestorben ist, war 16 Jahre lang Soldat im Zweiten Weltkrieg. Als ich 15, 16 Jahre alt war und eigentlich dann das ganze Leben lang,hatte ich heftige Diskussionen mit meinem Vater über die Frage: Wie konnte das alles passieren, wie konntet ihr einem Regime dienen, das solche Verbrechen begangen hat? Seine Antwort:  „Ich habe nur meine Pflicht getan. Dass wir so betrogen worden sind, haben wir nicht geahnt. Soldaten sollten sich ja nicht um Politik kümmern, wir durften ja nicht mal wählen.“ 

Mein Vater ist in Friedenszeiten 1927 Soldat geworden und hat sich für 12 Jahre verpflichtet. Im Januar 1933 war er Wachsoldat beim Reichspräsidenten Hindenburg in Berlin. Mit einem gewissen Stolz hat er erzählt, dass er zu den wenigen Menschen in Deutschland gehört hat, die von Hitler gegrüßt, die ihn aber nicht wieder gegrüßt haben. Als Wachsoldat hatte er Befehl, niemanden zu grüßen, auch Hitler nicht, der in diesem Monat oft zu Hindenburg gefahren ist, um ihn dazu zu überreden, ihn zum Reichskanzler zu ernennen, was der greise Hindenburg am 30. Januar 1933 dann ja auch  gemacht hat. Hindenburg, der im Ersten Weltkrieg nach der Schlacht von Allenstein/Tannenberg  in Deutschland zum Mythos verklärt worden ist, hat eine verhängnisvolle Rolle in der deutschen Geschichte gespielt.

All diese Hintergründe waren für mich wichtig und interessant – die Mehrheit der Menschen, die damals gelebt haben, waren über das wirkliche Geschehen hinter der Oberfläche von Glanz und Gloria nicht informiert. Aber Menschen, die damals gelebt haben, hatten die gleichen Hoffnungen, Wünsche, Träume und Lebensansprüche, waren so lebendig wie wir. Ich habe versucht, mir vorzustellen, wie das gewesen wären, hätte ich damals gelebt.

Ich meine, Schriftsteller haben die Aufgabe, lebendig und vorstellbar zu machen, was sich hinter Daten und Fakten verbirgt. Niemand kann sagen, er wüsste genau, wie damals alles gewesen ist. Aber es gibt inzwischen eine Menge Möglichkeiten, Fakten und Daten zu sammeln, die Oberfläche einer anderen Zeit zu rekonstruieren. Zu einer Geschichte, finde ich, gehört immer auch das Innen, eben die Hoffnungen, Wünsche, Träume. Es gehört, meine ich, zum stillschweigenden Einverständnis zwischen Leser und Autor, dass jede Geschichte eine Annäherung an die mögliche Wirklichkeit  ist, nicht die Wirklichkeit selbst.

Vermutungen über ein argloses Leben“ habe ich eine Geschichte über eine Kindsmörderin im 18. Jahrhundert genannt.
Der Reiz der Literatur, meine ich, besteht ja zu einem großen Teil aus der Reibung zwischen Wirklichkeit und Wahrheit. Wirklichkeit erleben, ertragen wir, im Besitz der viel größeren Wahrheit zu sein, kann niemand behaupten.

Vertrauen Sie denen, die nach der Wahrheit suchen“, hat André Gide gesagt, „misstrauen Sie denen, die sie gefunden haben.“  Das ist für mich ein wichtiger Satz.  

Es freut mich, wenn Sie schreiben, dass Sie beim Lesen der Geschichte Raum für eigene Empfindungen und Gefühle gehabt haben.
Was kann ich mit Geschichten bewirken? Am Ende ist es doch die Hoffnung, mit einer Geschichte beim Leser das eigene Denken anregen zu können.  
Der Austausch zwischen Leser und Autor, meine ich, funktioniert am besten, wenn beide das Beste, das eigene Denken, dazugeben.

Über „Kaufmanns Kur“ habe ich einiges in der medizinischen Fachliteratur im Internet gefunden. Ich habe darüber auch mit meinem Bruder ausführlich gesprochen, der Arzt ist, so dass ich sicher bin, dass sich die tragische Sache mit Max so hat abspielen können. Elektro-Therapie war ein Teil des ungetrübten Fortschrittsglaubens  der Zeit und in den Situationen der Überlastung hat man in Krankenhäusern schnell Dinge ausprobiert, von denen man noch nicht sicher sein konnte, ob sie sich positiv auswirken.

Die Arbeit an „Zeit der großen Worte“ hat etwa zwei Jahre gedauert. Die Zusammenarbeit mit dem Verlag war dabei für mich sehr erfreulich. Ich hatte eine sehr sorgfältige, einfühlsame Lektorin. Weil ich selber einmal als Lektor gearbeitet habe und weil ich weiß, dass Sorgfalt und Bemühen um inhaltliche Qualität längst nicht mehr in allen Verlagen zu Hause ist, weiß ich das umso mehr zu schätzen. Auch bei der Umschlaggestaltung, die nicht einfach war, weil die Ästhetik der wilhelminischen Zeit ziemlich scheußlich ist, hatte ich Gelegenheit meine Meinung einzubringen. Am Ende war es ein – wie ich finde – gutes Ergebnis, eine Teamarbeit zwischen der Graphikerin Constanze Spengler in Hamburg und den kompetenten Leuten im Gerstenberg Verlag.

Büchermachen, meine ich, ist etwas Dialogisches, immer auch mit dem Risiko des Irrtums.
Umso erfreulicher ist  natürlich eine so positive Reaktion wie die Ihre.

Gute Wünsche und freundliche Grüße aus Friedland
Herbert Günther

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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