+*+ Herbert Günther: „Zeit der großen Worte“ *+*

ZEIT-D~1*+* Besser geht es nicht *+*
😀 😀 😀 😀 😀

Inhaltsangabe:
Sarajevo – ein Wort mit einem wunderbar weichen Klang. Der vierzehnjährige Paul schnappt es im Vorübergehen auf. Doch was in seinen Ohren wie eine Zauberformel klingt, kündigt die erste große Katastrophe des 20. Jahrhunderts an. Pauls Alltag ist geprägt von ganz anderen, von pathetisch aufgeladenen Worten, die die Kriegsbegeisterung schüren. Pauls Vater und sein bewunderter großer Bruder melden sich als Freiwillige. „Weihnachten sind wir wieder zu Hause!“ Mit diesen Worten verabschieden sie sich. Doch alles kommt ganz anders als erwartet und Pauls Familie zerbricht fast an diesem Krieg, der sich vier Jahre hinziehen wird. Immer dringlicher wächst in Paul die Frage danach, wie seine Zukunft aussehen wird, danach, was sich hinter den großen Worten verbirgt, und welches seine, Pauls Worte, sein könnten. (lovelybooks.de)

Das Cover:
Ich finde es sehr gut gelungen. Eine Litfaßsäule fängt den Blick. Sie informiert über Autor und Titel des Buches, direkt darunter prangt eine Ankündigung vom 1. August 1914 über die „Mobilmachung des Deutschen Heeres und der Flotte“. Dadurch fühlte ich mich schon mit einem Fuß in der Geschichte und mein Interesse war geweckt. Auch der traurig schauende Junge, der quasi neben mir sein Fahrrad an der Litfaßsäule vorbei schiebt, verstärkt dieses Gefühl noch.

Meine Meinung:
Ich kann es vorwegnehmen:
Dieses Buch hat mich auf der ganzen Linie überzeugt. Vom ersten Eindruck des Covers über die Auswahl eines sehr passenden Vorworts von Astrid Lindgren bis hin zur eindrucksvollen Umsetzung dieses grausamen Themas in Form eines sehr gefühlvollen und realitätsnahen Familienschicksals konnte ich für mich persönlich nicht einen einzigen Kritikpunkt in „Zeit der großen Worte“ entdecken.

Eigentlich treffen Kriege jeglicher Art nicht mein Interesse. In der Schule habe ich mich damals bei diesem Thema gelangweilt und somit weise ich zu den wichtigen Punkten der deutschen Geschichte leider sehr große Lücken auf. Da sich der Beginn des 1. Weltkriegs in diesem Jahre zum hundertsten Mal jährt, trifft man im Buchhandel aktuell verstärkt auf Literatur , die sich mit eben dieser Thematik befasst. Als ich das Cover dieses Buches sah, spürte ich aber, dass es genau das richtige für mich ist und ich es unbedingt lesen musste – Buchliebe auf den ersten Blick sozusagen – obwohl es doch eigentlich gar nicht mein Thema war!
Ich habe die Wahl nicht bereut und bin sehr froh, nun wenigstens mit dem Stopfen meiner Wissenslücken angefangen zu haben. Das gelingt mit „Zeit der großen Worte“ sehr gut, denn neben der Schilderung des Alltags von Pauls Familie begeistert das Buch auch durch die umfassende Recherchearbeit des Autors, die er in Form eines angehängten Glossars sowie einer (unvollständigen) Zeittafel zum Ersten Weltkrieg mit dem Leser teilt.

Was mich an der Erzählung so fasziniert hat, ist dass Herbert Günther eigentlich „nur“ den Alltag der Familie schildert – angefangen vom relativ unbeschwerten Leben bevor das Unheil begann bis hin zum bitteren Ende – und dabei einfach nur beschreibt. Er dramatisiert nicht, prangert nicht an, sondern beschreibt nur wie es war und welche Folgen all dies für die Bevölkerung hatte. Eben durch diese neutrale Darlegung des Geschehenen konnte sich das Gelesene auf eindrucksvolle Art und Weise in meinem Kopfkino entfalten. Der Film vor meinem inneren Auge ratterte los und hörte nicht mehr auf. Die Farben schwarz und grau dominierten, hüben wie drüben…bei den Soldaten auf dem Feld wie auch bei den Daheimgebliebenen. Alles war deprimierend, sowohl diese individuellen Bilder in meinem Kopf als auch die schrecklichen Aussagen, die ich manchmal zu lesen bekam.

„Wenn der Krieg dich nicht körperlich fertig macht, dann eben psychisch.“
„Der Krieg verändert alle. Auch uns.“
„Wie können nur beten, dass er es aushält“
um nur einige Beispiele zu nennen.

Am schlimmsten war für mich, dass dieses Buch nicht ein Fantasy-Werk ist sondern pure Realität. Menschen haben dies wirklich erlebt. Es ist ein Unterschied, ob man in Geschichtsbüchern die anonymen Zahlen und Fakten liest oder diesen Roman, in dem die Opfer nicht nur Nummern sind, sondern Menschen mit Gefühlen, die unendliches Leid ertragen mussten. Ein Buch, das mich so tief berührt und entsetzt hat, wie kaum ein anderes zuvor.

„Zeit der großen Worte“ hat aber mehr zu bieten als die reine Kriegsthematik. Dadurch, dass die Zeitspanne des Ersten Weltkriegs nicht in Form eines Sachbuchs beschrieben ist sondern dem Leser das Geschehene in Romanform begegnet, erhält die Geschichte genügend Raum für den Alltag, den es trotz des Kriegswahnsinns auch noch gibt. Sehr beeindruckt hat mich der damalige Zusammenhalt der Menschen. Die daheimgebliebenen Familienmitglieder sind füreinander da, stehen sich bei, teilen Ängste und Sorgen, geben nicht auf und hoffen immer wieder aufs Neue. Auch so wichtige Themen wie die damals herrschenden Standesunterschiede und auch wahre Freundschaft und Liebe, die manchmal Grenzen zu überschreiten vermögen, finden im Roman Platz und hauchen ihm viel Leben und Persönlichkeit ein .
Die Charaktere sind vielfältig und allesamt sehr tief und detailreich ausgearbeitet. Meine Sympathien waren ganz schnell verteilt und ich fühlte mich schnell verbunden mit Pauls Familie und litt leidenschaftlich mit.

Mich überfielen Gänsehaut, Ohnmacht und Wut über die Staatsoberhäupter, die leichtfertig Kriege anzetteln. Diese Sinnlosigkeit des Tötens…besitzen wir nicht genug Intelligenz, um Konflikte anders zu lösen?
Nichts rechtfertigt das Opfern von Menschenleben.

Bücher wie dieses sind so wichtig, um solch dunklen Stunden der Geschichte nicht zu vergessen, danke dafür Herr Günther!

Mein Fazit:
Besser geht nicht! Ich vergebe 5 von 5 Sternen.

Infos zum Buch:
„Zeit der großen Worte“ von Herbert Günther ist am 28.01.2014 unter der ISBN-Nr. 9783836957571 im Gerstenberg Verlag erschienen. Es umfasst 272 Seiten. (Quelle: lovelybooks.de)

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Über irveliest

Wie ihr euch sicher schon denken könnt lese ich sehr gerne, am liebsten Krimis und Thriller, aber auch niveauvolle Romane, Kinder- und Jugendbücher. Meine Lieblingsbuchhandlungen sind unsere kleine Buchhandlung am Ort und zum ordentlichen Stöbern Thalia in der Nachbarstadt. Online stöbere ich am liebsten bei lovelybooks und auch bei Amazon nach Büchern...
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